Briefe · Das Buch der Wächter

An Arnt

Spoiler · Wichtige Handlung enthüllen

Ein erdachter Brief Ionas an ihren Sohn.

Mein Stern,

wenn du diese Zeilen einmal liest, wirst du meine Handschrift vielleicht an den Stellen erkennen, an denen die Tinte zu dunkel geworden ist. Ich habe oft angesetzt. Für manche Dinge fallen mir leichter Worte ein, wenn ich ein Schwert in der Hand halte als eine Feder.

Du schläfst neben mir. Manchmal öffnest du im Traum die Finger, als wolltest du etwas festhalten, das nur du sehen kannst. Dann denke ich an die Kraft, die schon in dir liegt, und wünsche mir für dich etwas sehr Einfaches: Zeit. Zeit, klein zu sein. Zeit, eine Frage zu stellen, bevor jemand eine Antwort von dir verlangt.

Dein Vater sagt, wir hätten das Richtige getan. Ich glaube ihm. Trotzdem prüfe ich nachts deinen Atem, wenn du besonders still bist.

Vielleicht wird dir eines Tages jemand ein Buch geben und behaupten, darin stehe dein Weg. Lies es. Höre zu. Aber frage auch nach dem, was zwischen den Bildern fehlt. Pharn sah vieles voraus. Wir haben ihn dennoch verloren. Edix trug sein Buch aus Naxar, und ich trage die Erinnerung an seine Hand, als er mir den roten Gürtel gab.

Vertraue deinen Freunden, auch wenn sie dir widersprechen. Lerne, um Hilfe zu bitten, bevor du glaubst, alles allein tragen zu müssen. Und wenn jemand sagt, er wolle nur dein Bestes, darfst du fragen, weshalb du dann nicht mitentscheiden sollst.

Die Schatten sind nicht für immer verschwunden. Heute aber bist du warm und schläfrig in meinen Armen. Heute darf dein wichtigstes Abenteuer darin bestehen, den Saum meines Ärmels nicht loszulassen.

Deine Onkel werden dir erzählen, ich sei ein sturer Wildfang gewesen. Sie haben recht. Lass dir von ihnen auch erzählen, was sie selbst angestellt haben.

In Liebe,
deine Mutter

Aus dem Begleitbuch „Das Buch der Wächter“. Ergänzende Legenden und Deutungen sind im Text als solche gekennzeichnet.

Versiegelter Brief mit Feder und Tintenfass