Taschenbuchcover Magische DrillingeMagische Drillinge
Leseprobe · Kapitel 3

Hin und her gerissen

Schriftgröße

Iona riss den Mund auf. Luft strömte in ihre Brust, so mühelos, dass sie es erst mit dem zweiten Atemzug begriff. Sie konnte atmen.

Hinter ihren geschlossenen Lidern wurde es hell. Das Schwarz verlor seine Tiefe, zerfiel in graue Schlieren und wich einem Licht, das ihr Tränen in die Augen trieb. Iona hob den Arm vors Gesicht. Eben noch hatte das Wasser sie hinabgezogen. Sie erinnerte sich an die Hand über ihr, an die gespreizten Finger, die sie nicht erreicht hatte. Jetzt lag sie auf dem Rücken, und unter ihr war ein Grund.

Vorsichtig ließ sie den Arm sinken.

Ein kleiner, seichter See umgab sie. Seine Wärme drang durch ihr Kleid, doch als sie die Hand herauszog, lief kein Tropfen über ihre Haut. Iona strich mit dem Daumen über die Finger. Trocken. Sie betrachtete sie lange, bevor sie sich aufzurichten wagte.

Unter der schimmernden Fläche lagen fliederfarbene Blüten und weiche Federn. Fast meinte sie, wieder im Blumenlager ihrer Mutter zu sein. Doch dieses Lager gab unter ihrem Gewicht nach, hob sich neben ihrer Hüfte und senkte sich, sobald sie die Hand daraufstützte. Iona zog sie erschrocken zurück. Ein fester Boden wäre ihr lieber gewesen. Nur für einen Augenblick. Nur lang genug, um herauszufinden, ob sie noch lebte.

Weiße Marmorsäulen umstanden den See. Hinter ihr bildeten sie einen Halbkreis; vor ihr reihten sie sich zu einem Gang, über dessen Boden sich derselbe helle Teppich aus Blüten und Federn zog. Niemand war zu sehen.

Ewig sitzen bleiben konnte sie nicht. Iona brachte die Füße unter sich, richtete sich langsam auf und wartete, bis der Grund aufhörte, unter ihr nachzugeben. Erst dann bemerkte sie ihre nackten Zehen.

Ihre Schuhe waren fort.

Und ihr Kleid war rot.

Sie nahm den Saum zwischen die Finger und hielt ihn ins Licht. Derselbe Stoff, dieselben Falten, doch von dem vertrauten Grün war nichts geblieben. Iona ließ ihn sinken. Offenbar genügte es hier nicht, dass man an einem fremden Ort erwachte. Man musste auch noch anders gekleidet sein.

Sie trat in den Säulengang. Der süße Duft von Vanille und Sandelholz lag in der Luft, und mit jedem Atemzug löste sich etwas von der Enge in ihrer Brust. Aus der Ferne drang Gesang zu ihr, eine Melodie, deren Worte sie nicht verstand. Dennoch kam sie ihr vertraut vor. Sie verlangsamte ihre Schritte und lauschte, als könne sie sich erinnern, wenn sie nur eine Weile still genug blieb.

Der Gang mündete auf einen kleinen Balkon hoch an einer Felswand. Iona trat an die Brüstung.

Unter ihr lag eine Bucht zwischen steilen Bergen. Licht wanderte über das Wasser, sammelte sich in silbernen Bahnen und zerbrach dort, wo sich kleine Wellen kräuselten. Am Ufer standen Häuser, winzig aus dieser Höhe. Zwischen ihnen regte sich etwas. Menschen vielleicht. Iona beugte sich vor und versuchte, einen Weg zu erkennen, eine einzelne Gestalt, irgendetwas, woran ihr Blick Halt fand.

„Ist dies alles nicht wunderschön?“

Sie fuhr herum.

Der Mann neben ihr überragte sie um mehr als einen Kopf. Weißes Haar fiel über seine Schultern, und feine, fremdartige Muster zogen sich über sein Gesicht. Doch es waren seine Augen, an denen ihr Blick hängen blieb. Weiß. Auch sie waren weiß.

„Wer … seid Ihr?“

Er trug schlichtes Leinen, keine Rüstung, keine sichtbare Krone. Trotzdem kam Iona sich vor, als stünde sie vor einem Herrscher, dem sie längst hätte eine Verbeugung schulden müssen. Sie richtete sich auf. Unter seinen ruhigen Augen war sie sich plötzlich jeder hastigen Bewegung bewusst.

„Du brauchst dich nicht zu fürchten. Hier wird dir nichts geschehen. Du stehst unter dem Schutz von Parns Göttern.“ Er wandte den Kopf zur Bucht. „Mich darfst du Arn nennen. Arn le Veil. Ich bin der Hüter des Sees und der Herr über Parn, das Reich, das vor dir liegt.“

Auch seine Stimme meinte sie zu kennen. Iona suchte nach einer Erinnerung, doch sie fand nur dieses unbegründete Gefühl, nicht zum ersten Mal neben ihm zu stehen.

„Parn“, wiederholte sie leise. „Es kommt mir vertraut vor. Alles hier. Als wäre ich schon einmal hier gewesen, vor langer Zeit.“ Sie sah ihn an. „Wie kann das sein?“

„Megan La Foy war oft hier. Sie fand uns auf dieselbe Weise wie du. Auch bei ihr war es eher ein Versehen.“

Ihre Mutter. Natürlich. Selbst an einem Ort, dessen Namen Iona eben erst erfahren hatte, waren ihr die Spuren dieser Frau vorausgeeilt.

Sie strich über die kühle Brüstung. „Lancen sagte, sie habe den Garten und den See geschaffen. War sie auch bei Euch? Hat sie hier gelebt?“

Arn neigte das Haupt. „Lady La Foy liebte dieses Reich. Sie begann, von uns zu lernen.“

„Was habt Ihr sie gelehrt?“

„Die Pflanzen, die Tiere und den Umgang mit Kräutern. Unser Waffenmeister unterrichtete sie im Führen von Stäben und einhändigen Waffen. Die Götter von Parn lehrten sie die hohe Kunst der Magie, gute wie dunkle.“

Iona dachte an die Fläschchen in den Regalen ihrer Mutter. An die Federkiele, die noch immer auf ihrem Tisch lagen. Sie konnte sich Megan darübergebeugt vorstellen, mit tintigen Fingern und einem Blatt, auf dem für die nächste Notiz kaum noch Platz war. Mit einer Waffe in der Hand fiel es ihr schwerer, obwohl Lancen ihr gerade erst davon erzählt hatte.

„Auch dunkle Magie?“ Sie sah Arn wieder an.

„Deine Mutter war wissbegierig und überaus begabt. Sie lernte schnell.“ In seiner Stimme lag eine Wärme, die seinen unbewegten Zügen fehlte.

Für einen Augenblick beneidete Iona ihn. Er konnte sich an Megan erinnern. Er wusste, wie sie zugehört, welche Fragen sie gestellt hatte. Iona musste sich aus den Worten anderer eine Mutter zusammensetzen.

„Und der See?“ Sie wies zurück zum Säulengang, obwohl der See dort nicht mehr zu sehen war. „Ist es wahr, dass sie ihn hierhergebracht hat? Lancen hat so etwas erwähnt.“

„Lancen.“ Arn legte eine Hand auf die Brüstung. „Was hat er dir noch erzählt?“

Der Name klang kühl aus seinem Mund. Iona war zu sehr mit ihrer Frage beschäftigt, um darauf einzugehen.

„Dass sie den Garten und den See geschaffen habe. Und dass darin etwas verborgen sei. Er wusste nicht, was.“

Arn schwieg kurz. „Über den Garten hat er dir die Wahrheit gesagt. Bei anderem wäre ich vorsichtig. Lancen hat Megan geliebt; wenn er von ihr spricht, hört er noch immer manches, das längst vergangen ist.“

Ionas Finger hielten mitten in ihrer Bewegung über den Stein inne.

„Hat er mich belogen?“

„Das weiß ich nicht. Ich war nicht dabei.“ Arn nahm die Hand von der Brüstung. „Und ich habe ihm damals übelgenommen, wie wenig anderes er neben Megan sah. Frag ihn selbst, wenn du seine Antwort wissen willst.“

Iona sah eine Hand vor sich, die im dunklen Gang nach ihrer gegriffen hatte. Dann dieselbe Hand am Schwert, während Lancen ihren Großvater einen Verräter nannte. Sie wusste nicht mehr, welche Erinnerung sie festhalten sollte.

„Was stimmt denn nun an der Geschichte vom See?“

Arn blickte wieder über die Bucht. „Megan brachte ihn an den Ort, an dem sie ihren Garten anlegte. Die Ruine stand dort längst, seit Tausenden von Jahren. Wo heute der Garten liegt, war damals offenes Land. Deine Mutter suchte Ruhe und Zurückgezogenheit und schuf sich diesen Platz.“

Iona hörte das leise Rascheln der Rosenhecken wieder, obwohl hier keine Rosen wuchsen. Für sich selbst hatte Megan den Garten geschaffen. Nicht für eine Herrin, nicht für eine Prophezeiung. Einfach, weil sie ihre Ruhe hatte haben wollen. Der Gedanke machte sie ihr auf unerwartete Weise nah.

„Was sie nicht wusste“, sagte Arn, „war, dass sie mit dem Anlegen des Sees den magischen Bann zu unserer Welt öffnete. So verband sie beide Ebenen.“

Iona sah zur Bucht hinunter. Eine ganze Welt hinter dem kleinen See, in dem sie vergangene Nacht gebadet hatte. Sie hatte das milchige Wasser durch die Finger rinnen lassen und nichts geahnt.

„Dann hat sie das alles hier gelernt? Ihre Fähigkeiten?“

„Ja. Sie wahrte unser Geheimnis vor der Außenwelt. Dafür gaben wir ihr unsere Bücher und das Wissen dieses Reiches. Ich lernte sie als gütige Frau kennen und glaubte, dass sie ihre Kraft für das Gute einsetzen würde.“ Er betrachtete Iona. „Du scheinst mir ihr genaues Abbild zu sein.“

Ihr genaues Abbild.

Gestern hätte sie diese Worte gern gehört. Jetzt drängte sich Lancens Stimme dazwischen, weich geworden bei der Erinnerung an Megan. Von diesem Augenblick an war ich von ihrem Wesen gefesselt.

Iona zog die Schultern zusammen. Wenn er sie ansah, wen sah er dann? Eine junge Frau, die zu viel fragte und sich im Dunkeln fürchtete? Oder jemanden, den er vor langer Zeit verloren hatte?

Sie wollte nicht an den Kuss denken. Gerade deshalb spürte sie ihn wieder.

„Und ich?“, fragte sie. „Was soll ich hier tun? Warum bin ich hergekommen?“

Ihre Hände umfassten die Brüstung fester. Seit sie durch den Nebel gegangen war, schien jeder etwas in ihr zu erkennen, das sie selbst nicht sah. Eine Wiedergeburt, ein Versprechen, ein Abbild. Wenigstens einmal hätte sie gern gewusst, was man von ihr erwartete, bevor es geschah.

Arn lächelte. „Ich denke, diese Begegnung ist erst der Anfang. Wir werden uns noch öfter sehen. Bis dahin werden wir auch herausgefunden haben, was du hier zu tun hast.“

Iona öffnete den Mund. Ob er wenigstens wusste, wie sie zurückkam?

Das Licht auf dem Wasser erlosch.

Sie blickte auf. Dunkle Wolken schoben sich über die Berge, so rasch, dass die Bucht innerhalb weniger Atemzüge verschwand. Nebel quoll zwischen die Säulen. Ein eisiger Wind fuhr ihr ins Gesicht, trieb ihr die Haare vor die Augen und nahm ihr die Luft.

Iona tastete nach Arn und fasste in kalten Dunst. Ihre andere Hand klammerte sich an die Brüstung. Die Kälte saß ihr in der Kehle, und sie kniff die Augen zusammen, bis alles schwarz war.

Dann riss sie sie wieder auf.

...

Gras drückte gegen ihre Wange.

Iona fuhr hoch und holte so heftig Luft, dass es ihr in der Brust schmerzte. Rosenhecken. Der kleine See. Über ihr lag der helle Himmel des Gartens, ohne eine Spur der schwarzen Wolken.

Neben ihr bewegte sich Lancen. Er hatte den Kopf gesenkt, das silberne Haar klebte nass an seinem Hals. Jetzt richtete er sich auf. An seinen Ärmeln hing dunkle Erde vom Ufer.

„Ihr seid wieder da.“ Er sagte es so leise, dass Iona ihn kaum verstand.

Sie starrte ihn an. Derselbe Mann, der ihr vorhin im Gras gegenübergesessen hatte. Derselbe Mund, dieselben violetten Augen. Und doch konnte sie ihn nach Arns Worten kaum ansehen, ohne nach etwas dahinter zu suchen.

„Hast du mich herausgezogen?“

„Erst, als Ihr wieder an die Oberfläche kamt. Vorher konnte ich Euch nicht erreichen.“ Er sah zum Wasser. „Ich bin Euch nachgesprungen. Da war kein Grund mehr. Ich habe gesucht, bis ich selbst hinaufmusste.“

Iona zog einen durchnässten Ärmel vom Arm. Ihre Ferse war weggerutscht. Sie hatte nach seiner Hand gegriffen und sie verfehlt. Dann die Kälte, der verblassende Lichtschein. Und dahinter weiße Säulen, eine Bucht unter hohen Bergen.

„Wie lange war ich fort?“

„Ich weiß es nicht. Zu lange.“ Lancens Stimme brach beinahe. „Dann lagt Ihr plötzlich auf dem Wasser, dicht am Ufer. Ihr habt geatmet, aber Ihr habt mich nicht gehört. Wo wart Ihr?“

Sie drückte die Finger ins Gras. Die glatte Brüstung in Parn hatte sich anders angefühlt. Arn hatte dort neben ihr gestanden, so wirklich wie Lancen jetzt.

„An einem anderen Ort.“ Mehr brachte sie nicht über die Lippen.

Lancen wartete. Er konnte ihr die Antwort nicht geben, nach der sie selbst noch suchte. Für einen Augenblick wünschte sie, er würde ihr einfach den Arm reichen und mit ihr durch den Garten gehen.

Dann hörte sie ihn ihren Großvater einen Verräter nennen.

Die Kränkung war wieder da, unvermindert. Sie stand so hastig auf, dass Lancen eine Hand hob. Iona trat zurück, bevor er sie berühren konnte.

„Ich verbiete dir, noch einmal so über meinen Clan zu sprechen.“ Sie stemmte die Hände in die Hüften. „Sonst werden wir uns hier nie wiedersehen.“

Lancen öffnete den Mund. Einen Augenblick lang glaubte sie, er würde endlich etwas zurücknehmen. Doch es kam kein Wort.

„Ich dulde kein schlechtes Wort über meine Familie.“

Sie ging an ihm vorbei. Die Nähe seines Körpers war ihr unangenehm vertraut; sie hätte nur stehen bleiben müssen, um ihn anzusehen. Stattdessen hielt sie den Blick auf den Weg zwischen den Hecken gerichtet.

„Und jetzt geh.“

Hinter ihr raschelte Gras. Lancen schien noch etwas sagen zu wollen, doch als Iona sich umwandte, schüttelte er nur den Kopf. Dann ging er mit hängenden Schultern fort.

Sie wollte ihm nicht nachsehen. An der nächsten Heckenecke blickte sie trotzdem auf. Sein Haar schimmerte ein letztes Mal zwischen den Blättern, und sie wartete darauf, dass er sich umdrehte.

Er verschwand.

Mit brennenden Augen kehrte Iona ins Zimmer ihrer Mutter zurück. Sie ließ sich aufs Blumenlager fallen, zog die Knie an die Brust und presste die Hände dazwischen. Warum hatte er ihr das erzählt? Er hätte von tausend anderen Dingen sprechen können. Von diesem Garten. Von Megan. Von sich selbst.

Sie hatte ihn nach dem Krieg gefragt.

Iona schloss die Augen. Das machte es nicht besser. Ein Mann wie ihr Großvater verriet niemanden, der ihm vertraute. In seinen Schriften hatte sie so viel Ehrfurcht vor dem Nebelreich gefunden. Niemand beschrieb eine Welt auf diese Weise, um sie anschließend zu vernichten.

Oder kannte sie nur die Worte, die er dafür gewählt hatte?

Der Gedanke war kaum da, da wollte sie ihn schon wieder loswerden. Er ließ nichts an seinem Platz. Großvater nicht, Lancen nicht, nicht einmal ihren eigenen Zorn, an dem sie sich wenigstens hatte festhalten können.

Sie vergrub das Gesicht in der Decke. Der Einzige, dessen Nähe sie in diesem fremden Reich gesucht hatte, war fort. Sie selbst hatte ihn fortgeschickt. Iona lauschte auf den Flur, obwohl dort niemand kommen würde, und weinte, bis sie vor Erschöpfung einschlief.

...

Als sie erwachte, lag warmes Licht auf dem Boden. Es fiel durch das Milchglasfenster und reichte weit ins Zimmer hinein. Der Tag war vorangeschritten; Iona hatte das Gefühl, erst eben die Augen geschlossen zu haben. Sie erinnerte sich an keinen Traum. Nur ihr Kopf war noch schwer, und die Haut spannte an ihren getrockneten Tränen.

Sie richtete sich langsam auf. Eine Weile blieb sie sitzen, die Decke im Schoß. Dann wusch sie sich das Gesicht und strich die Falten aus ihrem Kleid. Es gab nichts, das sich dadurch löste, aber wenigstens sah sie anschließend nicht mehr aus, als hätte man sie zerknüllt in eine Ecke gelegt.

Felina. Sie musste mit Felina sprechen.

Auf dem Flur zögerte sie bereits. Ein Gang führte von Osten nach Westen, der nächste kreuzte ihn; dahinter lagen weitere Türen, die keine waren. Siegel und Bannkreise schimmerten vor Zimmern, deren Bewohner sie nicht kannte. Der helle Gang unterschied sich kaum von dem, in den sie eben erst eingebogen war.

Gestern hatte sie über die Größe der Ruine gestaunt. Heute hätte sie etwas darum gegeben, eine gewöhnliche Tür zu finden, an die sie klopfen konnte, ohne zuvor ein Geheimnis zu lösen.

Ihre Schritte wurden langsamer. Vielleicht war dieses Reich nur so lange vollkommen, wie man nichts darüber wusste. Vielleicht hatten ihre Brüder recht, und hinter all dem Glanz verbarg sich doch nur Schall und Rauch.

„Ich kann verstehen, dass du verwirrt bist.“

Iona blieb stehen.

Die vertraute Stimme kam aus einem kleinen Zimmer neben ihr. Ein weiß schimmernder Bann lag vor dem Eingang. Dahinter saß Felina in einem beigefarbenen Korbsessel und sah sie an, als habe sie sie schon eine Weile erwartet.

Iona trat hindurch. Der Bann streifte ihr Gesicht so leicht, dass sie nicht wusste, ob sie ihn überhaupt gespürt hatte. Mit einer Geste wies Felina auf den freien Sessel. Iona setzte sich auf die vordere Kante und legte die Hände in den Schoß.

„Du siehst ratlos aus, meine Liebe. Was hast du auf dem Herzen?“

Der freundliche Ton machte es schwerer. Iona zupfte an ihrem Ärmel. Sie konnte schlecht erzählen, dass sie Felinas Sohn geküsst, ihn einen Lügner genannt und schließlich fortgeschickt hatte. Nicht in dieser Reihenfolge, nicht alles auf einmal.

„Ich hatte einen kleinen Streit mit Lancen.“ Schon beim Sprechen hörte sie, wie wenig das Wort klein dazu passte. „Ich wollte mehr über den letzten großen Krieg wissen.“

Ein Schatten legte sich über Felinas Augen. „Und was hast du erfahren?“

„Er hat von der Schlacht erzählt. Von denen, die darin gestorben sind.“ Iona verschränkte die Finger, löste sie wieder. „Und davon, wer gegen Euch gekämpft hat.“

Sie hatte sich zurechtgelegt, was sie fragen wollte. Jetzt, vor der Mutter der sechs Toten, bekam sie die Worte nicht über die Lippen.

Felina faltete die Hände im Schoß. „Es mag schwer werden. Aber du hast alle Zeit der Welt.“

Zeit.

Iona sah auf. Lancens Worte kamen ihr wieder in den Sinn. Einige Tage bei ihnen, während draußen Monate vergingen. Sie hatte kaum darauf geachtet. Bei dem Namen ihres Großvaters war für alles andere kein Platz mehr gewesen.

„Wie viel Zeit ist vergangen, seit ich hier bin?“

„In deiner Heimat hat bereits der zweite Monat begonnen. Hier ist kaum mehr als ein Tag vergangen.“

Unter Ionas Händen knackte das Geflecht des Sessels. Vater saß jeden Morgen an der Tafel und sah ihren leeren Platz. Tamm und Buck gingen zum See, wieder und wieder. Hielten sie sie schon für tot?

„Ich habe eine Nacht hier geschlafen.“ Ihre Stimme klang zu dünn. „Nur eine. Und vorhin ein wenig. Es können höchstens anderthalb Tage sein.“

„Für dich sind es auch nicht mehr.“

Iona schüttelte den Kopf. „Wie kann dann zu Hause ein Monat vergangen sein?“

„Deiner Mutter erging es anfangs genauso.“ Felina sprach langsam. „Hinter dem Nebel vergeht die Zeit anders als in deiner Heimat. Die Bannkreise und die Magie, die dieses Reich durchflutet, schaffen in seiner Mitte ein Zeit-Raum-Vakuum. So nennen wir es.“

Das fremde Wort half Iona nicht. Die Finger lösten sich nicht von den Armlehnen.

„Wenn bei uns ein Tag vergeht“, sagte Felina, „verstreicht bei den Menschen ungefähr ein ganzer Monat.“

Iona stand auf. Das Licht lag unverändert auf dem Boden. Daheim konnten Tage verstreichen, während sie hier auf eine Antwort wartete.

„Dann muss meine Familie erfahren, dass ich lebe. Ich will zum Ufer zurück. Oder ihnen wenigstens eine Nachricht schicken.“

Felina sah zu ihr auf. „Du wolltest die Geschichte deines Großvaters hören.“

„Ja. Aber danach zeigt Ihr mir, wie ich zu ihnen gelange.“

Die Herrin neigte den Kopf. „Wir werden über deinen Weg sprechen.“

Das war weniger, als Iona verlangt hatte. Sie blieb stehen. Vor der Taufe hatte sie ebenfalls geglaubt, eine freundliche Antwort sei eine vollständige.

„Und noch etwas verstehe ich nicht.“

„Gestern bin ich vor dieser Ruine durch Schnee gegangen“, sagte sie. „Barfuß, durch tiefen Schnee. Heute ist es warm wie im Frühling. Wenn hier nur ein Tag vergangen ist – wie passt das zusammen?“

„Unsere Jahreszeiten folgen unseren eigenen Tagen. Hier kann Frühling sein, während in Schottland Schnee liegt.“

Aber sie sprach doch von dem Schnee auf der Insel. Iona wollte nachfragen, da fuhr Felina fort:

„Auch Parn folgt unserer Zeit.“

Iona hielt den Atem an.

Parn. Sie hatte niemandem davon erzählt. Nicht von der Bucht, nicht von den weißen Säulen. Felina lächelte nur, als sei der Name nicht anders als jeder andere.

Wusste sie, wo Iona gewesen war? Oder hatte sie ihn zufällig genannt? Iona konnte sich nicht vorstellen, dass Felina oft etwas zufällig sagte.

„Wenn ich dagegen von den Jahreszahlen eurer Könige spreche“, fuhr die Herrin fort, „meine ich die Zeitrechnung der Menschen. Hast du das verstanden?“

Iona nickte zögernd. Verstanden hatte sie wenig. Aber sie wusste jetzt, dass sie die Jahre nicht verwechseln durfte. Und dass Felina mehr über sie wissen konnte, als sie selbst erzählt hatte.

Sie senkte den Blick auf ihre Hände. Lange Zeit hatte sie geglaubt, die alten Schriften ihres Großvaters würden ihr dieses Reich erklären. Sie hatte die Gesetze daraus gelernt, hatte sich daran festgehalten, wenn ihre Brüder lachten. Nun kannte sie nicht einmal den Preis eines einzigen Tages hier. Was hatte er gewusst? Was hatte er aufgeschrieben – und was nicht?

„Was ist mit meinem Großvater?“

Felina stutzte. „Deinem Großvater? Wie kommst du jetzt auf ihn?“

Iona richtete sich auf. „Lancen hat von einem Hinterhalt gesprochen. Von seinen sechs Brüdern.“ Diesmal zwang sie sich, Felina anzusehen. „Er sagte, Sir Damon V. habe die Armee angeführt. Dass er sie selbst getötet habe.“

Der Name lag ausgesprochen zwischen ihnen. Iona wartete auf Widerspruch.

„Er kam doch her, um zu lernen“, fuhr sie fort, als keiner kam. „Wie meine Mutter. Wie ich. Er kannte Eure Sitten, Eure Gesetze. Warum sollte er dann Euer Volk verraten?“ Ihre Stimme stieg bei den letzten Worten an. Sie hörte wieder ihren eigenen Zorn im Garten und presste die Lippen zusammen.

„Versuche, dich zu beruhigen. Ich werde dir erzählen, was ich weiß.“ Felinas Blick blieb auf ihr. „Auch ich kenne nicht die ganze Geschichte. Einiges hat deine Mutter mir berichtet.“

Iona beugte sich vor und legte ihre Hände auf die der Herrin. „Dann erzählt mir bitte alles. Ich kann nicht glauben, dass er das getan hat.“

Felina schwieg so lange, dass Iona den Griff ihrer eigenen Finger lockerte. Sie hielt die Hände einer Frau fest, deren Söhne tot waren, und bat sie darum, ihren Großvater zu verteidigen.

„Nun gut“, sagte Felina schließlich. „Vieles davon wird dir nicht gefallen.“

Iona nickte. Sie würde zuhören. Wenigstens das.

„Damon wurde 1475 geboren“, begann Felina. „Mit kaum fünfundzwanzig Jahren war er König, der jüngste seiner Sippe. 1501 bekam er seinen einzigen Sohn. Richard.“

„Von Lady Lilli Mc Peron“, sagte Iona. „Großmutter Lilli.“

Mit diesen Namen war sie aufgewachsen. Sie hatte sie für etwas Festes gehalten.

„Als Richard König wurde und seine eigene Familie gründete, trat Damon als oberster General in seine Armee ein.“

Er stand an ihrer Spitze. Lancens Worte fanden zwischen den vertrauten Namen ihren Platz.

„Weiter“, sagte Iona.

„Jahrelang herrschte Frieden. Bis etwa ein Jahr vor deiner Geburt. In dieser Zeit kam dein Großvater oft an unseren See.“ Felina sah zum Fenster. „Nach eurer Zeitrechnung war es das Jahr 1539. Er war damals etwa vierundsechzig Jahre alt. Ein erfahrener Mann. Die Jahre hatten seiner Ausstrahlung nichts genommen.“

Beim letzten Wort versagte ihr die Stimme.

Iona hob den Kopf. Felina hatte die Hände wieder in den Schoß gelegt, doch ihre Finger lagen nicht mehr ruhig ineinander. Einer strich über den anderen, immer wieder, ohne die kleine Bewegung beenden zu können. Ihr Blick ging an Iona vorbei ins Licht.

So hatte sie eben nicht gesprochen. Nicht von einem Krieger. Nicht von dem Mann, der ihre Söhne getötet haben sollte.

Sie hatte ihn geliebt.

Iona hörte Lancens Stimme, rau vor Zorn. Blind vor ihren Gefühlen hatte sie ihm freien Einlass in unser Reich gewährt.

Die Nebelherrin.

Bisher war sie eine Gestalt in der Geschichte gewesen, die Iona für eine Lüge halten wollte. Jetzt saß ihr eine Frau mit zitternden Händen gegenüber. Eine, die beim Wort Ausstrahlung hatte abbrechen müssen.

Iona sah sie an. Zum ersten Mal wusste sie nicht, ob sie die nächste Antwort hören wollte.

„Ihr“, flüsterte sie. „Ihr wart es.“

Felina wandte den Blick vom Fenster. In ihren glasigen Augen stand kein Leugnen.

„Ja, Kind. Ich war es, die ihm den Nebel öffnete.“

Hier endet die Leseprobe. Ionas Reise geht im Roman weiter. Magische Drillinge erscheint im November 2026. Die ISBN zum Bestellen im Buchhandel folgt in Kürze.