Taschenbuchcover Magische DrillingeMagische Drillinge
Leseprobe · Kapitel 2

Der geheime See

Schriftgröße
  1. Ein Jahr der Taten, der Sünden und großer Menschen, wie man es wohl eines Tages nennen würde. Was würde es ihr bringen? Iona ließ die Finger durch das milchige Wasser gleiten. Der Mond legte einen matten, zinnernen Glanz darauf; jede ihrer Bewegungen zerteilte ihn in schmale Ringe, die sich lautlos ausbreiteten. Noch gestern hätte sie gewusst, was sie sich von diesem Jahr wünschte. Endlich eine Antwort aus dem Nebel. Endlich Gewissheit, dass sie nicht an leere Geschichten glaubte.

Nun war sie hier. Sie hatte Felina Frieden versprochen, das Erbe ihrer Mutter angetreten, von dem sie bis vor wenigen Stunden nichts gewusst hatte. Schottland und das Nebelreich sollten einander wieder vertrauen. Ausgerechnet sie sollte dafür sorgen. Iona hob die nassen Hände und betrachtete sie im Mondlicht. Dieselben schmalen Finger, mit denen sie am Morgen noch an ihren widerspenstigen Röcken gezerrt hatte. Große Worte hatte sie gesprochen. Doch wer würde einer Fremden folgen, die von diesem Reich kaum mehr kannte als einige Hallen und einen Garten?

Ihr Blick huschte wieder zu den Rosenhecken. Zwischen den weißen Blüten lag dichtes Dunkel. Nichts bewegte sich außer einem Blatt, das im Nachtwind zitterte. Bestimmt hatte sie sich den silbernen Schimmer nur eingebildet. Trotzdem zog sie die Knie enger an und lauschte, bis ihr das eigene Atmen zu laut vorkam.

Schließlich stieg sie aus dem See. Kühle Luft strich über ihre feuchte Haut, und sie beeilte sich, ihr Haar zu trocknen und die Kleider überzustreifen. Der Stoff fühlte sich vertraut an; sie strich ihn an ihren Hüften glatt, bevor sie nach der fliederfarbenen Decke griff. Es war tiefe Nacht geworden. Über den Hecken funkelten Sterne, und der Mond zeichnete die gebrochenen Mauern der Nebelruine mit kaltem Licht nach. Ein wenig unheimlich. Iona wickelte sich fester ein. So viel Schönheit mochte dieser Ort besitzen – jetzt brauchte sie ein geschlossenes Zimmer und Schlaf.

Sie nahm die Schuhe an den Riemen und ging langsam den schmalen Weg zurück. Unter ihren nackten Sohlen gab das feuchte Gras nach. Nach ein paar Schritten begann sie zu pfeifen, zunächst leise, dann sicherer. Tamm und Buck hatten ihr die Melodie beigebracht, ein Lied von Schottland und seinen ruhmreichen Siegen über die Engländer. Der vertraute Takt ordnete ihre Schritte. Sie kannte jede Zeile. Schließlich begann sie leise zu singen.

„Brecht auf, Soldaten, brecht auf.
Mit Lanze, Pike und Schwert.
Dem Feind zu trotzen mit Widerstand,
damit das Land euch ehrt.

Brecht auf, Soldaten, brecht auf.
Ein Kampf für König und Vaterland.“

Ihre Brüder hatten es oft gesungen, wenn sie zu dritt durchs Land geritten waren, um Freunde zu besuchen. Fast immer waren es junge Männer gewesen, die sie mit lauten Rufen empfingen, ihren Pferden die Hälse klopften und schon über den nächsten Ausritt sprachen, während Iona noch abstieg. Sie hatte sich zwischen ihre breiten Schultern gedrängt, mitgelacht und das Lied mitgesungen. Niemand sollte merken, wie fremd sie sich manchmal inmitten dieser Vertrautheit fühlte.

Nachts, wenn die Tür hinter ihr geschlossen war, hatte sie das Gesicht ins Kissen gepresst. Dann fehlte ihr die Mutter, die sie nie gekannt hatte, so schmerzhaft, als hätte sie gerade erst das Zimmer verlassen. Einmal mit ihr sprechen. Einmal hören, ob sie auch so gewesen war: voller Sehnsucht nach etwas, das sie nicht einmal benennen konnte. Bis das Morgengrauen durch die Läden kroch, hatte Iona wach gelegen. Am nächsten Tag hatte sie wieder mitgelacht.

Auch jetzt zog sich ihre Kehle zusammen. Sie verstummte und hob den Blick zum Vollmond.

Du hast es gut. Wachst über uns, kommst und gehst, und niemand verlangt von dir, dass du etwas anderes bist als gestern. Ihre Finger verkrampften sich in der Decke. Ich habe es versprochen. Ja. Aber woher hätte ich wissen sollen, wie schwer es sich anfühlt, wenn niemand mehr da ist, der mich fragt, ob ich das überhaupt kann? Nur weil meine Mutter die große Hexe Megan war, muss ich nun ihr Erbe antreten. Findest du das gerecht?

Ein Schluchzer entwischte ihr. Iona schluckte ihn hinunter und wischte sich rasch über die Wange, ärgerlich über sich selbst. Sie hatte dieses Reich so sehr sehen wollen.

„Er wird Euch nicht antworten. Das tut er nie.“

Iona fuhr herum. Die Stimme kam aus der Dunkelheit, tief und vertraut; ihr erster erschrockener Atemzug blieb auf halbem Wege stecken.

Eine Gestalt lehnte an der Rosenhecke. „Wie oft habe ich zu ihm gesprochen, habe ihn um Rat gefragt. Doch er sah nur schweigend mit seinem eisigen Lächeln auf mich herab, als verspotte er mich. Dann habe ich mich von ihm abgewandt und bin gegangen.“ Der Fremde trat in den hellen Streifen, den der Mond zwischen die Hecken legte, und strich sich eine Strähne aus dem Gesicht.

„Lancen? Was tut Ihr hier?“, wisperte sie.

Sein langes Haar fiel ihm silbern über die Schultern. Silber. Iona blickte unwillkürlich zurück in die Richtung, aus der sie gekommen war. Der Schimmer zwischen den Rosen. Wie lange stand er schon hier? Hatte er sie gesehen, als sie noch im See …?

Sie zog die Decke bis unters Kinn. Zu spät, falls er sie wirklich gesehen hatte, und gerade dieser Gedanke ließ ihre Wangen heiß werden. Sie suchte in seinem Gesicht nach einem spöttischen Zug, nach irgendeinem Zeichen, dass er wusste, woran sie dachte. Doch Lancen sah sie nur ruhig an.

Das weiße Leinenhemd hob sich hell von seinen schwarzen Beinkleidern ab. Kleine Steine an seinem Gürtel fingen das Mondlicht; sein silbernes Haar, die schmale Gestalt und die stillen Augen passten so vollkommen in diesen Garten, dass Iona sich mit ihrer zerzausten Frisur und der verrutschten Decke unbeholfen vorkam. Einen Atemzug lang erschien er ihr unnahbar.

Dann kniete er vor ihr nieder.

„Ich wollte nicht stören, Mylady. Doch auch mich treibt es in einsamen Nächten oft hierher. Verzeiht, wenn ich Euch belästigt haben sollte.“

Auch ihn? Iona sah auf seinen gesenkten Kopf. Sein Haar lag so nah vor ihr, dass sie mit den Fingerspitzen darüber hätte streichen können. Der Gedanke erschreckte sie beinahe ebenso sehr wie sein plötzliches Auftauchen. Sie schloss die Hand fester um die Schuhriemen. Er war hier zu Hause. Er kannte jeden Weg, jede Stimme, jeden Bann. Wie konnte er sich an einem solchen Ort einsam fühlen?

„Wenn es Euch beliebt …“, begann er zögernd und hob den Blick ein wenig, „so zeige ich Euch morgen, was dieser Ort sonst noch verbirgt.“

Iona nickte. Eine Antwort lag ihr auf der Zunge, doch Lancen erhob sich schon, verneigte sich knapp und verschwand zwischen den Rosen. Sie hörte keinen Schritt. Eine Weile blickte sie in den dunklen Gang, in dem er verschwunden war, und wartete, ohne zu wissen worauf. Dann fröstelte sie, schlang die Arme um sich und ging zurück in ihr Zimmer.

Auf dem Blumenlager fand sie keine Ruhe. Die Decke war weich und warm, unter ihrer Wange dufteten die Blüten, doch hinter der Tür blieb es still. Kein Tamm rief einen derben Scherz durch den Flur. Kein Buck fuhr ihm über den Mund, nur um gleich darauf selbst zu lachen. Zum ersten Mal war Iona von beiden so weit entfernt, dass sie nicht nach ihnen rufen konnte.

Sie presste das Gesicht tiefer in die Blumen. Diesmal hielt sie die Tränen nicht zurück. Es hätte ein glücklicher Abend sein sollen, der glücklichste ihres Lebens. Stattdessen lag sie hier, im Zimmer ihrer Mutter, und wünschte sich die vertrauten Geräusche der Burg herbei. Sie wälzte sich von einer Seite auf die andere, bis Blütenblätter an ihren nassen Wangen klebten und ihr der Kopf schmerzte.

Warum hatte der Nebel ihre Brüder abgewiesen? Sie glaubten doch genauso an das Volk wie sie – oder etwa nicht? Noch während sie den Gedanken festhalten wollte, sah sie ihre Gesichter vor sich: Bucks hochgezogene Braue, Tamms kaum verhohlenes Grinsen. Nein. An das Reich hinter dem Nebel glaubten sie nicht. Sie hatten sie begleitet, weil sie ihre Schwester war. Die sagenhafte Megan hielten sie für eine Erfindung von Bettlern und Träumern, die noch immer auf etwas Gutes warteten.

War sie selbst eine solche Träumerin? Eine, die glaubte, zwei Völker könnten irgendwann die Waffen sinken lassen und einander wieder in die Augen sehen? Iona wischte sich mit dem Handballen übers Gesicht und richtete sich auf. Vielleicht. Ohne diesen Glauben wäre sie kaum hierhergelangt. Er war ihr geblieben, selbst jetzt, da ihr alles andere entglitt.

Und Lancen war ebenfalls hier. Er hatte ihr für morgen seine Gesellschaft angeboten. Iona ließ die Decke durch die Hände gleiten und dachte an seine Stimme im Garten, an die sonderbare Traurigkeit darin. Was führte ihn nachts allein zwischen die Rosen? Ich kann ihn beim nächsten Mal fragen. Mit diesem Gedanken legte sie sich wieder hin. Beim nächsten Mal erzählt er mir bestimmt alles über sich.

...

Die Schwermut folgte ihr in den Schlaf. Als Iona erwachte, konnte sie sich an keinen Traum erinnern, aber die Beklemmung war noch da. Sie lag schwer auf ihrer Brust und ließ selbst das helle Zimmer fremd wirken. Mühsam schob sie die Decke beiseite. Beim Aufrichten pochte Schmerz hinter ihrer Stirn, und eine flaue Übelkeit stieg in ihr auf.

Vielleicht würde es besser, wenn sie sich bewegte. Iona strich ihr grünes Kleid glatt, zog die Schuhe an und verließ das Zimmer. Doch die langen Flure waren leer. An einem Durchgang blieb sie stehen und lauschte. Kein Gespräch, kein Klirren von Geschirr, kein rascher Schritt verriet einen gewöhnlichen Morgen. Nur ihr eigener Atem und das leise Streifen ihres Saums begleiteten sie. War diese riesige Ruine wirklich so verlassen, oder verbarg ein weiterer Zauber ihre Bewohner vor ihr?

Sie legte eine Hand auf den Magen. Es musste jemanden geben, der ihr all das erklären konnte. Jemanden, der nicht verwundert wäre, sie noch immer unsicher und erschöpft zu finden, nachdem man sie gestern so feierlich willkommen geheißen hatte. Der junge Elf hatte ihr doch angeboten, ihr mehr zu zeigen.

Lancen.

Kaum hatte sie den Namen gedacht, stand er neben ihr und verneigte sich. „Ihr habt nach mir gerufen?“

Iona starrte ihn an. Gerufen? Sie hatte kein Wort gesprochen. Langsam drang die Erinnerung durch ihren Kopfschmerz: die Decke gestern Abend. So wie Ihr es befohlen habt. Sie hatte sich etwas gewünscht, und er war gekommen. Jetzt genügte sein Name, unausgesprochen, und er stand vor ihr.

Was hörte er sonst noch?

Etwa auch, was sie vergangene Nacht über sein silbernes Haar gedacht hatte? Iona heftete den Blick auf einen feinen Riss im Mauerwerk. Steine. Sie musste an Steine denken. An raue Fugen, an etwas vollkommen Gleichgültiges. Gerade dadurch sah sie seine Haarsträhnen nur noch deutlicher vor sich. Sie räusperte sich.

Lancen wartete. Seine Miene verriet nichts.

„Würdet Ihr mir ein wenig Gesellschaft leisten?“ Die Bitte kam leiser heraus, als sie beabsichtigt hatte. Iona hob den Blick. „Ich fühle mich hier so verlassen.“

Er lächelte und bot ihr seinen Arm. Dankbar legte sie die Hand darauf; durch das Leinen spürte sie die feste Wärme seines Körpers. „Wohin möchtet Ihr?“, fragte er. „Was soll ich Euch zeigen, Lady Share?“

Lady Share. Er ließ das Mc fort. Aus seinem Mund klang ihr Name kürzer, fremder, als müsse etwas daran zurückbleiben, bevor er ihn aussprechen konnte. Iona dachte an die Krieger auf dem kleinen Tisch, an die grünen Rüstungen und den Nebel. An violette Augen über einem gespannten Bogen. Was hatte ihr Name mit all dem zu tun? Welcher Hass konnte so groß werden, dass ganze Völker ihn übernahmen?

Sie hätte fragen können. Aber Lancens Arm lag sicher unter ihrer Hand, und im Augenblick war es ihr wichtiger, dass jemand bei ihr blieb.

„Was Ihr mir zeigen sollt?“, wiederholte sie schließlich.

Er neigte den Kopf.

„Können wir wieder in den Garten gehen? Hier ist es so kalt.“ Sie holte vorsichtig Luft, um die Übelkeit nicht stärker werden zu lassen. „Ein wenig frische Luft würde mir guttun.“

Lancen führte sie aus der Burgruine. Am Ufer des Nebelsees empfing sie ein kühler Wind, der den Geruch feuchten Steins und stillen Wassers mit sich trug. Sie folgten der Mauer, bis sie auf der anderen Seite des Gebäudes eine eiserne Tür erreichten. Lancen öffnete sie. Dahinter lag ein schmaler Gang, dessen hinteres Ende im Dunkel verschwand.

„Wohin führt er?“, fragte Iona.

Der Elf trat hinter ihr ein. Sie stieg einige ausgetretene Stufen hinauf und gelangte zu einer weiteren Tür. Als sie hindurchging, teilte sich der Gang. Zwei Wege führten in unterschiedliche Richtungen, beide nachtschwarz. Iona blieb stehen. Eben hatte sie noch die Konturen des Türrahmens erkannt, jetzt war auch das letzte fahle Licht fort.

Dunkelheit. Seit sie denken konnte, fürchtete sie sich davor. Gestern in der Drachenhöhle hatte Tamms Hand sie geführt; sie hatte gewusst, dass er jeden Stein vor ihnen sah. Jetzt hörte sie nicht einmal Lancens Schritte. Iona tastete nach der Wand und drückte den Rücken an den kalten Stein. Ihr eigener Atem kam ihr so laut vor, dass sie alles andere darunter verlieren musste.

„Lancen?“ Sie versuchte, ruhig zu klingen. „Wo seid Ihr?“

Keine Antwort. Sie wollte die Hand vom Mauerwerk lösen, nach ihm greifen, doch der Gedanke an den leeren Raum vor ihr hielt sie fest. Ihre Finger suchten Halt in einer Fuge. Unter den Nägeln bröckelte etwas. Die Knie wurden ihr weich.

Dann schloss sich eine warme Hand um ihre. Iona zuckte zusammen und sog scharf Luft ein. Ehe daraus ein Schrei werden konnte, spürte sie Lippen auf ihrem Mund.

Für einen Augenblick hielt sie vollkommen still. Sie sah nichts, wusste nicht, wohin sie den Kopf wenden sollte. Da war nur die behutsame Berührung, sein naher Atem und die Hand, die ihre festhielt. Dann lösten sich ihre Finger vom Stein und fanden den Stoff seines Hemdes.

Er war wirklich da. Dicht vor ihr, warm und lebendig. Unter ihrer Hand schlug sein Herz so rasch wie ihres. Iona hielt sich an ihm fest, und als seine Lippen sich erneut bewegten, antwortete sie darauf, zaghaft zunächst, dann mit einer Sehnsucht, die sie selbst überraschte. Das Dunkel war noch immer um sie, aber sie dachte nicht mehr an die leeren Gänge. Sie fühlte den Atem an ihrer Wange, die feste Schulter unter ihren Fingern und ihren eigenen Herzschlag bis hinauf in den Hals.

Als der Kuss endete, brauchte sie einen Moment, um wieder Luft zu holen. Der Körper vor ihr rückte ab. Kühle Luft strich zwischen sie, und Iona hätte ihn beinahe zurückgehalten. Sie wusste nicht, ob sie sich mehr über diesen Wunsch erschrak oder darüber, dass sie beinahe vergessen hatte, wo sie waren.

„Geht es wieder?“

Kaum mehr als ein Wispern, doch im engen Gang war jedes Wort deutlich. Lancen. Natürlich Lancen. Wer sonst hätte ihre Hand genommen? Iona nickte, obwohl er es nicht sehen konnte, und lehnte sich einen Augenblick an ihn.

„Ich … ja. Ich denke schon.“

So etwas hatte sie noch nie erlebt. Ihre Knie waren noch immer unsicher, doch jetzt kam die Schwäche nicht mehr von der Angst. Was sagte man nach einem solchen Kuss? Sollte sie ihn ansehen, sobald es wieder hell war, oder lieber so tun, als wäre nichts geschehen? Schon bei der Vorstellung wurde ihr heiß.

Bei den hohen Herrinnen!

...

„Dann lasst uns weitergehen.“ Lancen war froh, dass seine Stimme ruhig klang. Sie war das Einzige an ihm, worauf er sich gerade verlassen konnte. Er hielt Ionas Hand und führte sie den letzten Gang entlang. An der Tür brauchte er einen Augenblick länger als sonst, um die Finger um den Griff zu schließen. Dann gab das Holz nach, und Tageslicht fiel ihnen entgegen.

Erst draußen bemerkte er, dass er ihre Hand noch immer hielt. Iona sah im selben Moment auf ihre verschränkten Finger. Sie zog die Hand zurück, wandte sich ab und trat einen Schritt von ihm weg. Noch einen. Lancen ließ den Arm sinken.

Was hatte er getan?

Sie hatte nach ihm gerufen, und er hatte sie geküsst. Im Dunkel war die Erinnerung schneller gewesen als jeder vernünftige Gedanke: eine andere ängstliche Stimme, damals in demselben Gang. Die Nähe einer Frau, die er geliebt hatte.

Doch vor ihm stand Iona. Zwischen dem roten Haar lagen die schwarzen Strähnen ihrer Taufe; ihre Finger hielten den Ärmel fest. Sie war keine Erinnerung, die er noch einmal berühren durfte. Und sie trug den Namen jenes Mannes, dem er den Tod seiner Brüder verdankte.

Lancen wollte sich entschuldigen. Keine Erklärung fiel ihm ein, in der er ihr nicht noch mehr zumutete.

Als Iona sich endlich umwandte, sank er vor ihr in den Staub. Er senkte den Kopf und wartete auf ihren Zorn. Auf das eine Wort, das er verdiente: Geh.

...

Er kniete. Schon wieder.

Iona starrte auf seinen gesenkten Kopf. Eben noch hatte sie sein Hemd festgehalten, jetzt kniete er im Staub. Wenn sie nach dem Kuss fragte, könnte er antworten, es sei ein Fehler gewesen. Vor dieser Antwort fürchtete sie sich mehr als vor der Stille.

„Ich hätte Euch fragen müssen“, sagte er.

Sein Haar verbarg das Gesicht. Iona streckte ihm die Hand hin. Sie wusste nicht, wie sie über ihre eigene Antwort im Dunkeln sprechen sollte. Noch nicht.

„Würdest du mich noch ein wenig begleiten? Ich kenne den Weg von hier aus nicht.“

Du. Das Wort war ihr herausgerutscht. Gestern hatte sie ihn so angesprochen, ohne weiter darüber nachzudenken. Nun fühlte sich dieselbe Anrede anders an. Sie ließ die Hand ausgestreckt und nahm sie nicht zurück.

Lancen hob den Kopf. In seinen Augen lag eine Verwunderung, die sie fast zum Lächeln brachte, wäre sie nicht selbst so unsicher gewesen. Lange sahen sie einander an. Dann nahm er ihre Hand, erhob sich und trat neben sie. Iona legte ihren Arm auf den seinen. Darüber ließ sich leichter schweigen, wenn sie sich bewegten.

Die Wege zwischen den Rosen führten sie bald zum kleinen See. Im Tageslicht wirkten die weißen Blüten weicher, die Hecken grüner; in den dichten Blättern hingen noch einzelne Tautropfen. Der Duft lag warm über dem Gras. Iona spürte, wie die Anspannung in ihren Schultern nachließ, und setzte sich nahe ans Ufer. Lancen blieb an einer hohen Hecke stehen, lehnte sich mit angewinkeltem Bein dagegen und verschränkte die Arme vor der Brust.

Sie vermisste seinen Arm augenblicklich. Um sich nichts anmerken zu lassen, schloss sie die Augen und hob das Gesicht in den Wind. Er strich kühl über ihre Stirn und nahm etwas von dem dumpfen Druck mit, der seit dem Erwachen darin saß.

„Es ist so schön hier. Findest du nicht auch, Lancen?“ Sie ließ die Fingerspitzen durch das Gras wandern. „Ich hätte mir so etwas nicht vorstellen können. Diese Liebe zur Natur, bis ins kleinste Blatt. Wer diesen Ort geschaffen hat, muss wahrhaft göttlich sein.“

Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie das Lächeln an seinem Mundwinkel.

„Habe ich etwas Falsches gesagt, Herr Elf?“ Iona richtete sich auf.

Lancen schüttelte den Kopf. „Nein. Doch eine Göttin würde ich die Schöpferin nicht nennen. Eure Mutter besaß große Fähigkeiten. Sie war die weitaus stärkste Nebelhexe ihrer Zeit. Verglichen mit ihren anderen Werken ist dieser Garten allerdings nur eines ihrer kleinen Wunder.“ In seinen Augen blitzte es.

„Megan hat diesen Ort geschaffen?“

„Mh. Ja.“

Iona sah sich um. Sie hatte gewusst, dass ihre Mutter hier gelebt hatte. Doch dass selbst die Wege, die Hecken und dieser stille See auf sie zurückgingen, ließ alles noch einmal fremd und neu erscheinen. Langsam legte sie die Handfläche auf das Gras. Hier war nichts, was Megan bloß betrachtet hatte. Hier war etwas, das ohne sie nicht existieren würde.

„Warum?“ Sie schaute über die milchige Fläche. „Warum hat sie ihn gerade hierhergebracht? Den See, meine ich. Warum hat er an einem so verborgenen Ort seinen Platz?“

Lancen zögerte. „Ich kann es Euch nicht sagen. Ich weiß es selbst nicht.“ Er löste einen Arm aus der Verschränkung und ließ die Hand sinken. „Einer alten Legende nach soll es in seinem Inneren etwas ganz Besonderes geben. Eure Mutter hat mir nie verraten, was sie dort verborgen hielt. So neugierig ich auch war, ich habe sie nie danach gefragt.“

Iona betrachtete die glatte Fläche. Vergangene Nacht hatte sie darin gesessen und sich von seiner wohltuenden Wärme beruhigen lassen. Nun suchte sie unter dem hellen Schimmer nach einer dunkleren Stelle, einem Umriss, irgendeinem Zeichen. Aber der See behielt sein Geheimnis.

Lancen stieß sich von der Hecke ab und setzte sich neben sie. Ihr Ellbogen hätte beinahe seinen gestreift. Iona wusste nicht, ob sie ein wenig zur Seite rücken sollte, und blieb genau dort sitzen, wo sie war. Mit einer geübten Bewegung strich er sich das Haar über die Schulter und löste den Schwertgurt. Die Schnallen klickten; dann legte er die Waffe vorsichtig ins Gras. Aus einem Jutebeutel am Gürtel nahm er einen kleinen Schleifstein und einen abgewetzten Lappen.

Iona sah zu, wie er die Klinge prüfte. Sein Daumen strich behutsam über den Stahl, dann setzte er den Stein an. Das leise Schaben war gleichmäßig und vertraut. Lancen musste diese Handgriffe unzählige Male ausgeführt haben.

„Ich sitze oft hier und tue das“, sagte er, ohne aufzusehen. „Auch wenn der Krieg lange vorbei ist, kümmere ich mich jeden Tag um mein Schwert.“

Vielleicht war jetzt der richtige Augenblick. Iona zupfte an einer Falte ihres Ärmels. Gestern hatte sie ihn auf den Bildern kämpfen sehen, heute saß die Waffe zwischen ihnen im Gras. Sie könnte ihn nach der Klinge fragen. Das wäre weniger aufdringlich, als ihn unvermittelt nach den Toten zu fragen.

„Es sieht aus, als hättest du es oft benutzt.“

Der Schleifstein hielt inne. „Es gab Zeiten, da waren meine Waffen ständig im Einsatz.“ Lancen griff nach dem Lappen und zog ihn langsam über die Klinge. „Das ist lange her. Heute ist es nicht mehr wichtig. Eine Geschichte aus vergangenen Tagen.“

„Erzähl mir diese Geschichten“, bat Iona leise.

Er hob den Kopf. Seine Finger lagen noch auf dem Stahl.

Iona streckte sich auf dem Bauch aus und stützte das Kinn in die Hände. Von hier aus musste sie zu ihm aufsehen, und sie hoffte, dass er die Bitte nicht als Unhöflichkeit auffasste. „Ich liebe alte Geschichten. Kannst du mir nicht deine erzählen? Dann hast du auch einen Wunsch bei mir frei.“

Eine Weile antwortete er nicht. Iona hielt seinem Blick stand. Schließlich legte Lancen den Schleifstein beiseite, faltete den Lappen und ließ ihn neben seinem Knie liegen.

„Mh … Es war eine ungewöhnlich kühle Nacht im Frühsommer unseres Reiches. Ich hielt vor der Burg Wache. Alles war still, der Nebel hing tief; die Feuchtigkeit kroch selbst durch den Mantel.“ Er sah auf die blanke Klinge. „Ich hatte meinen Posten kurz verlassen, um meine Notdurft zu verrichten. Als ich zurückkam, schien alles wie zuvor. Ich zog den Mantel enger und wollte gerade einen Boten nach heißem Tee schicken. Da sah ich die ersten Schatten.“

Er machte eine Pause. Das Wasser lag ruhig vor ihnen, doch sein Blick schien etwas ganz anderes zu sehen.

„Mit einem Mal waren sie überall. Sie kamen aus dem dichten Nebel, als hätte er sie ausgespuckt. Der Bote lief sofort in die Burg und schlug Alarm. Aber da war es schon zu spät. Sie hatten uns überrumpelt.“ Lancen zog einen Grashalm zwischen den Fingern auseinander. „Vermutlich hatten sie nur darauf gewartet, dass ich unachtsam wurde. Ein kurzer Augenblick. Hätte ich meinen Posten nicht verlassen, wäre es nie geschehen.“

Die notwendige Unterbrechung seiner Wache erwähnte er beinahe beiläufig. Bei dem Wort Posten aber wurde seine Stimme rau. Iona sah auf die zerrissenen Halme in seiner Hand und biss sich auf die Lippe. Wie oft mochte er sich diese Nacht schon so erzählt haben? Wie oft hatte er gehofft, an der einen Stelle etwas anderes zu tun?

„Einer von ihnen sagte etwas“, fuhr er fort. „Ich verstand ihn nicht. Dann zeigte er auf mich. Ich hörte Männerstimmen im Nebel, immer mehr, und konnte nicht erkennen, wie viele es waren. Noch bevor ich sie richtig sah, kamen ihre schweren Schritte auf mich zu.“

Seine Hand schloss sich um den Schwertgriff.

„So viele Männer gegen einen einzigen. Ich wusste, dass ich sie nicht aufhalten konnte.“ Die Worte wurden leiser. „Ich betete zu der hohen Herrin Isia, der Gründerin unseres Reiches. Sie sollte mir beistehen. Mehr blieb mir nicht. Dann sauste eine Klinge auf meinen Kopf zu.“

Iona hielt unwillkürlich den Atem an.

„Eine zweite fing sie ab. So nah, dass ich den Aufprall spürte. Stahl auf Stahl, und unmittelbar neben mir sprach jemand in der alten Sprache. Da wusste ich, dass sie gekommen waren.“

„Wer?“

„Meine Brüder und die anderen Bogenschützen. Zusammen waren wir zehn. Mehr konnte die Herrin nicht aufbieten.“

Zehn. Iona sah wieder die kleinen Gestalten auf der Tischplatte, ihre erhobenen Waffen vor dem großen Schloss. Sie hatte ein Bild betrachtet und nicht gewusst, dass neben jedem dieser Gesichter ein Name stand, den Lancen kannte. Dass er die Stimmen dieser Männer noch hören konnte.

„Wir drängten sie zunächst zurück“, sagte er. „Erst mit Pfeilen. Dann waren sie zu nah, und wir mussten zum Schwert greifen. Eine Weile glaubte ich wirklich, wir könnten sie aufhalten. Doch wo einer der Angreifer fiel, stand schon der nächste. Bei uns blieben die Lücken.“

Iona beobachtete seine Hände. Der Daumen lag still am Griff, fest gegen das Leder gepresst.

„Je weniger wir wurden, desto klarer sahen wir, dass wir gegen diese Übermacht nicht bestehen würden. Und als die Niederlage gewiss schien, kam sie.“

„Sie?“

„Eure Mutter.“ Für einen Herzschlag wurde seine Stimme weich. „Mitten aus den Reihen der Angreifer. Ich konnte es zuerst kaum glauben. Eben noch sah ich nur unsere Feinde, und dann war sie zwischen ihnen. Mit bloßen Händen schlug sie die Ihren nieder. Sie fuhr durch ihre Reihen, so schnell, dass ich ihr kaum mit den Augen folgen konnte, und ließ den Nebel sich legen.“

Megan. Iona dachte an die schmalen Federkiele im Zimmer und an die zarten Blüten unter ihren Händen. Sie versuchte, dieselbe Frau zwischen erhobenen Schwertern zu sehen. Eine, die keinen Stahl brauchte, um sich ihnen entgegenzustellen.

„Ein gleißendes Licht umgab sie“, sagte Lancen. „So hatte ich Megan noch nie gesehen. Von diesem Augenblick an war ich von ihrem Wesen gefesselt. Sie schien nicht von dieser Welt zu sein. Doch sie stand auf unserer Seite. Gemeinsam gelang es uns, den Gegner zu vernichten.“ Sein Blick glitt zum See. „Sechs meiner Brüder ließen dabei ihr Leben.“

Lange sagte er nichts mehr. Der Wind bewegte die Rosen hinter ihnen, und Iona hörte plötzlich jedes leise Rascheln. Gestern hatte Felina dieselbe Zahl genannt. Jetzt saß der siebte Sohn neben ihr, mit dem Schwert aus jener Nacht auf den Knien.

Iona setzte sich auf und zog die Beine an. „Und wer … wer hat sie …?“ Sie bekam die Frage nicht zu Ende.

Lancen wandte den Kopf nur wenig. „Ich erinnere mich an sein Gesicht, als wäre es gestern gewesen. Tiefgrüne Augen. So viel Hass darin, wie ich ihn nie zuvor gesehen hatte.“ Seine Finger spannten sich um den Griff. „Es war ein einzelner Mann. Er schlachtete meine Brüder einen nach dem anderen ab, als wären sie wilde Tiere.“

Iona spürte, wie sich ihre Zehen in den Schuhen zusammenzogen.

„Schließlich bekam ich ihn unter meine Klinge. Er lag vor mir und bat um Gnade.“ Lancens Stimme wurde hart. „Doch im nächsten Atemzug drohte er mir. Er sagte: ‚Du kannst mich töten. Du kannst meine Armee töten. Doch es wird unser Clan sein, der euer Reich zu Staub verwandeln wird. Der Clan von Damon V. McShare!‘ Da stieß ich zu. Meine Klinge fuhr tief in seine Seite. Aber ehe ich ihm den Todesstoß versetzen konnte, rissen seine Männer ihn von mir fort. Sie schleppten ihn in den Nebel.“

Er atmete langsam aus.

„Er entkam mir.“

Iona hörte den Wind und das leise Streifen des Lappens, als Lancens Hand ihn berührte. Der Name kam erst danach bei ihr an, Wort für Wort.

Damon V. McShare.

Ihr Großvater.

Sie sah Lancen an, ohne etwas an ihm festhalten zu können. Die violetten Augen, der feste Mund, das Schwert – alles war noch an seinem Platz, und doch hatte sich etwas zwischen ihnen verschoben. Damon V. McShare war ein Edelmann reinen Blutes, der Gründer ihres Clans. Sie kannte seine Schriften über das Nebelreich. Sie hatte daraus gelernt, hatte seine Worte ernst genommen, als andere über ihren Glauben lachten.

Tiefgrüne Augen. Ihre Augen. Iona grub die Finger ins Gras, bis feuchte Erde gegen ihre Nägel drückte, und schüttelte langsam den Kopf.

„Du lügst.“ Die Worte kamen leise, aber ihr ganzer Körper spannte sich dagegen. „Sag, dass das nicht wahr ist. Sag es!“ Sie suchte in seinem Gesicht nach einem Zögern, nach dem kleinsten Zugeständnis. „Mein Großvater ist kein Mörder. Er hat immer an das Nebelreich geglaubt. Er hat so vieles über euch niedergeschrieben. Durch ihn kenne ich die alten Gesetze. Es ergibt keinen Sinn, dass er euch angegriffen hat!“

Mit jedem Satz war ihre Stimme lauter geworden. Der letzte hallte über das stille Wasser.

„Keinen Sinn?“ Lancen hatte die Klinge noch in der Hand. Er hielt sie gesenkt, doch Iona konnte den Blick nicht mehr davon lösen. „Ihr wisst es offenbar doch nicht, sonst würdet Ihr nicht so sprechen. Damon V. ist der skrupelloseste Mann in ganz Schottland. Kaum jemand kann unseren Nebelbann durchqueren. Euer Großvater schaffte es. Er kam zu uns, genau wie Ihr. Er wollte von uns lernen.“

Genau wie sie.

Iona sah wieder seine Hand an ihrer vor sich, den warmen Garten, sein Lächeln bei der Erwähnung ihrer Mutter. Hatte er die ganze Zeit gewusst, wem sie angehörte? Natürlich hatte er es gewusst. Lady Share. Er hatte den Namen schon gekürzt, bevor sie verstanden hatte, dass daran etwas auszusetzen war.

„Einige Tage vergingen bei uns“, sagte Lancen, „während draußen Monate ins Land zogen. Dann wollte er gehen. Sein Heimweh schien so groß, dass wir ihn schweren Herzens ziehen ließen. Mit seinen letzten Worten schwor er, niemandem von uns zu erzählen. Wir waren töricht genug, ihm zu glauben.“

Tage und Monate. Iona bemerkte den Widerspruch, konnte ihn aber nicht festhalten. Nicht jetzt. Es ging um Großvater, um das Versprechen, das er angeblich gebrochen hatte. Sie öffnete den Mund, doch kein Wort kam heraus.

„Eines Tages kehrte er zurück. An der Spitze einer Armee.“ Lancens freie Hand ballte sich. „Er war älter geworden, aber ich erkannte ihn. Dieser Hundesohn hatte die Gunst der Nebelherrin mit Füßen getreten. Sie hatte ihn geliebt. Er hatte sie ausgenutzt. Blind vor ihren Gefühlen hatte sie ihm freien Einlass in unser Reich gewährt.“ Er sah Iona finster an. „Dieser Verräter hat sechs meiner Brüder auf dem Gewissen. Verlangt nicht von mir, den Titel dieses Mannes in den Mund zu nehmen!“

Iona saß reglos. Das konnte er nicht meinen. Nicht ihren Großvater. Es musste einen anderen gegeben haben, eine Verwechslung, etwas, das Lancen in seiner Trauer nicht mehr richtig erinnerte. Doch er hatte den Namen genannt. Den ganzen Namen.

Sie dachte an die Seiten, aus denen sie die Gesetze des Nebelreichs gelernt hatte. An die ehrfürchtigen Beschreibungen seiner Bewohner. Ein Mann, der so über diese Welt schrieb, konnte sie nicht haben vernichten wollen. Lancen irrte sich. Oder er log, aus Kummer, aus Hass. Beides war leichter zu ertragen als das, was seine Geschichte von ihr verlangte.

Und sie hatte ihm zugehört. Sie hatte ihn um diese Geschichte gebeten, hatte ihm einen Wunsch dafür versprochen. Im dunklen Gang hatte sie sich an ihn gelehnt und geglaubt, neben ihm sicher zu sein. Sie hatte sich von ihm küssen lassen.

„Ein Verräter?“ Sie sprang auf. „Du lügst! Er war kein Verräter!“

Iona wich zurück. Nur fort von seinen Augen, die so unerbittlich blieben. Fort von seiner Stimme, die kein einziges Wort zurücknahm. Sie machte einen weiteren Schritt, ohne hinzusehen.

Lancen sprang auf. Das Schwert fiel ins Gras, und er streckte den Arm nach ihr aus. Sein Gesicht veränderte sich. Erst da spürte Iona, dass ihre Ferse keinen Halt mehr fand.

Der Boden kippte weg. Sie ruderte mit den Armen, griff nach seiner Hand und verfehlte sie. Dann schlug das Wasser über ihr zusammen.

Die sanfte Wärme war fort. Kälte presste sich gegen ihren Leib, fuhr ihr unter das Kleid und nahm ihr für einen Augenblick jeden Atem. Iona trat nach dem Grund. Gestern hatte sie hier gesessen. Er musste dicht unter ihr liegen, sie musste ihn nur finden. Doch ihre Füße trafen nichts. Das schwere Wasser zog an ihren Röcken, und unter ihr öffnete sich eine Tiefe, die unmöglich in diesen kleinen See passen konnte.

Über ihr brach eine Hand durch die milchige Fläche. Gespreizte Finger griffen nach ihr. Iona streckte den Arm aus, so weit sie konnte. Etwas streifte ihr Haar – eine Berührung oder nur die Strömung? Sie bekam nichts zu fassen. Die Hand tastete ein letztes Mal durch das helle Wasser und wurde kleiner.

Iona schlug mit den Beinen. Sie wusste nicht mehr, in welche Richtung sie sich bewegte. Ihr Kleid wickelte sich um die Knie, der Druck in ihrer Brust wuchs, und über ihr verblasste der letzte helle Fleck. Das Rauschen füllte ihren Kopf. Sie wollte den Mund geschlossen halten. Sie brauchte Luft.

Dann verlor sie das Gefühl für ihren Körper.

Nur der Fall ging weiter. Oder glaubte sie bloß noch zu fallen? Bilder lösten sich aus der Schwärze: Ferrits dunkler Hals unter ihren Händen, Tamm und Buck, vor Lachen außer Atem. Ein krummer Stein am See. Die Bilder verschwanden, bevor sie nach ihnen greifen konnte, und zurück blieb eine entsetzliche Leere.

War sie tot?

Sie fühlte den Stoff ihres Kleides nicht mehr, den Druck des Wassers kaum noch. Es gab keinen Grund, an den sie stoßen konnte, keine Oberfläche, zu der sie zurückfand. Nur irgendwo tief in ihr hielt etwas fest, ein dünner Rest von Bewusstsein, der sich weigerte, loszulassen. Sie hatte sich den Tod manchmal als Aufstieg zu den hohen Engeln vorgestellt. Jetzt trieb sie tiefer und tiefer in dieses Schwarz, und der Gedanke an die Hölle kam ohne Worte.

Nein. Sie wollte keine Antwort auf diese Frage. Sie wollte zurück ins Gras, ins Licht, zu dem Streit, den sie eben noch für das Schlimmste gehalten hatte, das ihr geschehen konnte. Zurück zu einem einzigen Atemzug.

Ich will nicht sterben … noch nicht … nicht so!