Taschenbuchcover Magische DrillingeMagische Drillinge
Leseprobe · Prolog

Prolog

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Über den gefrorenen Feldern hing die Sonne wie eine blasse Silbermünze. Ihr Licht glitt über vereiste Furchen und kahle Hecken, doch es wärmte weder die Erde noch die Hände der Menschen, die seit Tagesanbruch auf ihr arbeiteten. Die Bauern hatten ihre strohigen Lager längst verlassen. Sie brachen das Eis auf den Tränken, schleppten Futter in die Ställe und stießen mit klammen Händen die Mistgabeln in den festgefrorenen Dung. Bei jedem Atemzug stand ihnen eine weiße Wolke vor dem Gesicht. Viel musste heute erledigt werden, zu viel für die wenigen hellen Stunden, die der Winter ihnen ließ.

Laut sagen durfte man das nicht. Der König war ein rauer Mann, und wer über die Arbeit klagte, galt ihm rasch als faul. Zwischen einem unbedachten Wort und dem Galgen lag mitunter nur das Gehör des Falschen. Also senkten die Bauern die Köpfe und raunten hinter vorgehaltener Hand, während sie weiterarbeiteten.

Der König wusste von diesem Raunen. Sollten sie. Ein strenges Regiment hielt das Land zusammen; davon war er überzeugt. Was er an anderen, weitaus freundlicheren Seiten besaß, ging das Gesinde nichts an.

Im Gemach seiner Kinder brannte ein ruhiges Feuer. Es roch nach trockenem Holz und warmer Wolle, und hinter den dicken Mauern war der Winter nur noch am leisen Rütteln der Fensterläden zu hören. Der König blieb neben den drei kleinen Betten stehen. Für gewöhnlich genügte ein Blick von ihm, um einen ganzen Saal zum Schweigen zu bringen. Hier achtete er darauf, mit seinen schweren Schritten niemanden zu wecken.

Wieder ging ein Jahr zu Ende. Heute vor drei Jahren hatten sie das Licht der Welt erblickt: zwei Söhne und eine Tochter, so winzig damals, dass er kaum gewagt hatte, sie in die Arme zu nehmen. Er erinnerte sich an ihre suchenden Blicke, an die kleinen Finger, die sich mit erstaunlicher Kraft um einen der seinen geschlossen hatten. Später war das erste Lächeln gekommen. Wie lange er darauf gewartet hatte. Wie lächerlich wenig von seiner königlichen Würde übrig geblieben war, als es endlich ihm galt.

Hatte er das Richtige getan? Er betrachtete die friedlichen Gesichter und stellte sich die drei an seiner Seite vor: herangewachsen, streitbar, stolz auf das Land, das er für sie zusammenhielt. Zwingen würde er sie nicht. Sie sollten ihren eigenen Weg finden, unter seiner Hand, nach seinen besten Grundsätzen. Noch aber mussten ihre kleinen Hände nichts halten als den Zipfel einer Decke.

Als die Kinder erwachten, nahm er sie eines nach dem anderen auf den Arm. Er wiegte sie, spürte ihr verschlafenes Gewicht und ließ sich geduldig die wirren Reste ihrer Träume erzählen. Drei Augenpaare sahen zu ihm auf, grün wie kleine Smaragde. Immer wieder brachte ihn dieser wache, unbefangene Blick zum Lächeln. Für sie war er der Vater, nach dessen Hand sie griffen, ohne zu zögern.

Er hörte seinen Söhnen gern zu. Ihr eifriges Plaudern, bei dem einer dem anderen ins Wort fiel, erfüllte das Gemach bis in den letzten Winkel. Am liebsten aber lauschte er dem hellen Stimmchen seiner Tochter. Sie war kleiner und zierlicher als ihre Brüder; wenn sie sich an ihn schmiegte, konnte er ihr Köpfchen beinahe mit einer Hand umfassen. In ihren Zügen fand er die Schönheit ihrer Mutter wieder. Manchmal lag es nur an einer Bewegung des Mundes, einem flüchtigen Blick, und er vergaß für einen Atemzug, wie viele Jahre vergangen waren.

Rote Löckchen umspielten ihr Gesicht. Er strich mit den Fingern hindurch und hielt inne.

So weich. So warm. Genau so hatte sich das Haar seiner Gemahlin angefühlt, wenn sie den Kopf an seine Schulter legte.

Er schluckte. Die Kleine hatte seine Hand gefasst und drückte sie mit beiden Händen an sich, ungeduldig, weil er mitten in ihrer Erzählung still geworden war. Er lächelte ihr zu, doch die Enge in seiner Kehle blieb. Er vermisste ihre Stimme. Vor allem vermisste er die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihn geliebt hatte. Bei ihr hatte er nicht überlegen müssen, was hinter einem Lächeln steckte.

Und wie meisterlich sie ihn um den Finger zu wickeln verstand. Sie hatte ihn nur ansehen müssen, auf diese bestimmte Weise, und schon war aus einem königlichen Nein ein widerwilliges Vielleicht geworden. Manchmal hatte er darüber gelacht und sie eine Hexe genannt. Dann hatte ihr melodisches Lachen den Raum erfüllt, und sie hatte bloß die Schultern gehoben.

Widersprochen hatte sie ihm nie.