Taschenbuchcover Magische DrillingeMagische Drillinge
Leseprobe · Kapitel 1

Das Versprechen einer Hexe

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Iona raffte ihre Röcke und setzte den Fuß in den Steigbügel. Ein einziger geschmeidiger Schwung hätte genügt, wäre ihr nicht ausgerechnet jetzt der Wind unter den schweren Stoff gefahren. Er bauschte die grünen Bahnen auf und wickelte sie ihr um die Knie. Ihr schwarzer Hengst schnaubte; unter dem Sattel zuckten seine ungeduldigen Muskeln. Tamm und Buck saßen längst auf ihren Pferden und sahen zu. Natürlich sahen sie zu. Unter dem linken Ärmel kratzten die groben hellen Stiche, mit denen sie gestern einen Riss im grünen Leinen geschlossen hatte.

„Du bist zu langsam, Kleines. Da holen uns die Engländer schneller ein, als wir losreiten können.“ Tamm, um wenige Minuten der Ältere der beiden, lachte so schallend, dass sein Pferd die Ohren zurücklegte.

Als auch Buck losprustete, schoss Iona das Blut in die Wangen. Sie blähte die Backen auf und holte Luft für eine gepfefferte Antwort – doch da gaben die beiden ihren Pferden schon die Fersen. Hufe schlugen auf den gefrorenen Weg, und feiner Schnee stob hinter ihnen auf. Immer dasselbe Spiel. Erst brachten sie sie in Rage, dann ritten sie davon, bevor sie ihnen sagen konnte, was sie von ihnen hielt.

Endlich saß sie im Sattel. Iona befreite den letzten eingeklemmten Rockzipfel und trieb Ferrit an. Ihre Brüder hatten einen guten Vorsprung, aber ihr Hengst war schneller als ihre Gäule; das wusste er so gut wie sie. „Lauf, Ferrit. Lauf, mein Lieber!“ Er streckte sich unter ihr, kraftvoll und sicher, und der Ärger löste sich im donnernden Hufschlag auf. Iona jauchzte. Der kalte Wind trieb ihr Tränen in die Augen und zerrte an ihrem roten Haar. Sie ließ ihn gewähren.

Am See unterhalb der Burg verengte sich der Weg. Zwischen bereiften Halmen ragte der krumme Stein auf, dessen eine Seite sich wie ein Buckel wölbte, während die andere spitz zulief. In den flachen Kerben lag Schnee. Als Kinder hatten sie und ihre Brüder die Striche hineingeritzt, damit sie nach ihren Streifzügen durch den Wald den Heimweg fanden. Daneben standen ein paar Worte in alter schottischer Schrift, die Iona einst mit ihrem Vater für ihre Mutter in den Stein gegraben hatte. Ihre Augen fanden die vertrauten Zeichen auch im Vorbeireiten. Einen Herzschlag lang spürte sie wieder, wie ernst Vater damals neben ihr gewesen war. Dann trug der Wind Tamms Lachen herüber, und sie gab Ferrit die Zügel.

Iona liebte diese flüchtigen Stunden, in denen die Burg hinter ihnen zurückblieb und selbst die Sorgen ihres Vaters sie nicht erreichen konnten. Der schmale Sattel, Ferrits warmer Körper und der weite, winterliche Himmel genügten ihr. Wie es ihrem Volk und der übrigen Welt erging, darüber würde sie früh genug wieder nachdenken müssen. Jetzt waren da nur sie und ihre beiden Brüder. Nur sie drei, gegen den Rest der Welt. Vielleicht wären sie eines Tages wirklich stark genug dafür. Ihre Mundwinkel zuckten. Ja, eines Tages. Ganz gleich, was Vater dazu sagte.

An ihrem geheimen Versteck holte sie die beiden endlich ein. Ferrit tänzelte noch, sein Atem dampfte vor den dunklen Nüstern. Buck und Tamm sprangen von ihren Pferden und reichten ihr die Hände, so feierlich, als erwarteten sie eine zerbrechliche Porzellanpuppe und nicht diejenige, die eben noch wie der Teufel hinter ihnen hergeprescht war. Iona musterte die ausgestreckten Hände. Für eine königliche Geste waren sich die beiden nie zu schade, sofern sie ihre Schwester damit ärgern konnten. Sie verkniff sich ein Grinsen und ließ sich herabhelfen. „Los, lasst uns gehen. Schließlich wollen wir es nicht verpassen.“

Eilig führten sie die Pferde in den vorderen Teil der Höhle und banden sie an einem Felsen fest, der aus dem Boden ragte. Der Wind blieb am Eingang zurück; hier drinnen roch es nach feuchtem Stein, Leder und dem warmen Fell der Tiere. „Pass mir auf die anderen beiden auf, hörst du, Ferrit?“ Iona strich ihrem Hengst über die samtigen Nüstern. Er senkte und hob den Kopf, als bestätige er, dass auf ihn wie immer Verlass sei.

Hand in Hand drangen die Geschwister tiefer in den Berg vor. Bald war das letzte fahle Tageslicht verschwunden. Iona schloss die Finger fester um Tamms Hand und hörte ihre Schritte über den unebenen Boden scharren. Irgendwo tropfte Wasser. Fackeln brauchten sie keine: Tamm fand jeden Vorsprung, jede Biegung, lange bevor sie selbst auch nur einen Schatten davon erkennen konnte. Im Dunkeln sah er besser als eine Katze und in der Ferne schärfer als ein Adler. Manchmal zogen Buck und sie ihn damit auf, er müsse dem Schoß einer Hexe entsprungen sein. Jetzt war sie vor allem froh, dass er voranging.

Endlich schimmerte Rot zwischen den Felswänden, schwach zunächst, dann wärmer, wie der Widerschein eines fernen Herdfeuers. Der Gang weitete sich, und vor ihnen lag das riesige Nest: ein gewaltiger Kranz aus Stein, über dem ein mächtiger, geschuppter Leib ruhte. Iona verlangsamte ihre Schritte. Welche Mutter würde ihr ungeborenes Junges schon unbewacht lassen?

Als sie näher kamen, hob sich der Kopf des Drachen. Zwei feuerrote Augen öffneten sich und tasteten die Besucher ab; ihr Glanz lag auf Ionas Händen. Sie blieb ruhig stehen, bis sich die schweren Lider wieder senkten. Erst dann lächelte sie. „Dann hast du uns also nicht vergessen, mein Mädchen.“

Ihre Stimme hallte leise von den Wänden wider. Die Drachenmutter verlagerte träge ihr Gewicht und ließ die Besucher gewähren. Iona nickte ihren Brüdern zu. Wieder nahmen sie einander an den Händen und gingen die letzten Schritte zum Nest. Darin ruhte das gewaltige, feuerrote Ei. Es glomm von innen, als läge Glut unter seiner glatten Schale, und der warme Schein hob ihre Gesichter aus dem Dunkel. Iona konnte sich kaum vorstellen, dass sich dahinter ein lebendiges Wesen zusammengekauert hielt, mit Flügeln, Krallen und einem winzigen schlagenden Herzen.

„Was meint ihr, wie lange wird es noch dauern, bis es schlüpft?“, fragte Tamm und strich sachte über die Schale.

Buck zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Bei ihrem letzten Jungen hat es Wochen gedauert, bis der Kleine endlich geschlüpft war.“ Leiser fügte er hinzu: „Hoffentlich lebt dieses wenigstens länger als eine halbe Stunde.“

Iona betrachtete die unversehrte Schale. Das letzte Junge hatte sie noch vor sich, klein und erschreckend still. „Ja“, sagte sie leise. „Hoffentlich müssen wir nicht wieder eines den Herrinnen hinter dem Nebel opfern.“ Sie blickte zum Muttertier auf. Der Drache atmete tief aus, und warmer Atem strich über ihre Stirn.

Auch Buck und Tamm hofften auf ein gesundes Junges, obwohl sie an die Herrinnen nicht glaubten. Ihre sonst so rastlosen Hände lagen still auf den Knien, als sie sich am Rand des Nestes niederließen. Iona schmiegte sich an die warme Flanke der Drachenmutter. Mit jedem Atemzug hoben sich die festen Schuppen unter ihrer Wange.

Die Zeit zog sich hin. Iona verlor jedes Gefühl dafür, wie lange sie schon warteten; draußen mochte der Morgen längst vergangen sein. Hier gab es nur den rötlichen Schein und den tiefen, rasselnden Atem des Tieres. Dann knackte es, hell und fein wie brechendes Eis. Iona fuhr hoch.

„Ich glaube, es ist so weit“, sagte Tamm und erhob sich.

Buck sprang ebenfalls auf und trat zurück, um der Mutter Platz zu machen. Auf der Schale zeigte sich ein schmaler Riss. Iona beugte sich vor, ohne es zu merken. Eine zweite Linie zweigte davon ab, eine dritte, und durch jede sickerte glühendes Licht. Wieder hielten sie alle den Atem an. Wieder warteten sie auf eine Bewegung, die ihnen verriet, ob das Junge leben würde.

Ihre Brüder pressten die Lippen zusammen. Starb es, stand ihnen eine weitere Reise zum unheimlichen Nebelsee bevor; Iona erinnerte sich gut an ihre bleichen Gesichter beim letzten Mal. Jetzt wechselten sie einen Blick und schickten halblaute Stoßgebete gen Himmel. Ausgerechnet die beiden, die sonst für jede ihrer Bitten an die Herrinnen nur ein schiefes Lächeln übrig hatten.

Iona blieb am Nest und legte die Hand auf die warme Schale. Unter ihren Fingern bebte es. Kleine Risse verzweigten sich über das Ei wie Flussläufe auf einer Landkarte. „Komm schon“, flüsterte sie. „Nun komm doch.“ Sie wagte kaum noch zu streicheln, aus Angst, dem winzigen Wesen mit einer unbedachten Bewegung wehzutun.

Auch die Drachenmutter wurde unruhig. Sie schnaubte, hob den Kopf und senkte ihn wieder dicht über das Ei. Dann brach ein Stück Schale heraus. Ein feuchtes, schuppiges Köpfchen schob sich durch die Öffnung, verharrte einen Augenblick und reckte sich der Mutter entgegen. Iona spürte, wie ihre eigenen Schultern nachgaben.

Das Junge arbeitete sich aus der zerbrechenden Hülle. Glänzende Splitter glitten von seinen zerknitterten Flügeln, ein viel zu großer Fuß rutschte am Nestrand ab, und kaum hatte es Halt gefunden, schrie es gebieterisch nach seiner Mutter. Der dünne Laut füllte die ganze Höhle. Dann streckte es sich. Vor Ionas Augen entfalteten sich die Flügel, der Hals wurde länger, die unbeholfenen Glieder kräftiger. Wie ein Funke, der zur Flamme anschwillt, wuchs es binnen weniger Augenblicke, bis es beinahe so groß war wie ein Pferd.

Iona wandte sich zu ihren Brüdern um – und da standen sie, diese beiden starken Kerle, mit Tränen in den Augen. Aus Rührung? Oder aus purer Erleichterung, weil ihnen der Weg zum Nebelsee erspart blieb? Sie hätte ihr bestes Kleid auf Letzteres verwettet. Buck wischte sich hastig über die Augen. Tamm klopfte ihm lachend auf die Schulter, als hätte er selbst keine nassen Wimpern. Nun lachte auch Iona, und mit dem Lachen brach die ganze angestaute Angst aus ihr heraus. Sie fiel beiden um den Hals. „Er hat es geschafft! Er hat es tatsächlich geschafft!“ Ihre Stimme überschlug sich, aber das war ihr gleichgültig.

Nachdem sich alle beruhigt hatten, blickte Buck zum jungen Drachen und fragte: „Er? Woher willst du wissen, dass es ein Junge ist? Sag jetzt bitte nicht, das hat dir seine Mutter erzählt.“ Er ließ seine Schwester los und warf seinem Bruder einen Blick zu.

Iona schüttelte den Kopf. „Nein, es waren die Frauen hinter dem Nebel. Sie wussten es, und sie haben es mir erzählt.“ Noch immer konnte sie kaum glauben, dass sie diese Worte aussprechen durfte. All die Male, in denen sie vergeblich gelauscht hatte, lagen plötzlich weit zurück. „Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie glücklich ich bin, dass sie mir geantwortet haben. Nach so langer Zeit haben sie mir endlich erlaubt, mit ihnen in Verbindung zu treten.“ Ihr Gesicht glühte.

Die Brüder tauschten einen stummen Blick. Iona kannte ihn zu gut: jenes wortlose Einverständnis, mit dem sie sich verständigten, wenn ihre Schwester wieder von Dingen sprach, die es ihrer Meinung nach nicht gab. Doch diesmal widersprach keiner. Vielleicht wollten sie ihr die Freude nicht verderben. Vielleicht fehlte ihnen auch bloß ein Beweis. Iona hob das Kinn. Was wirklich hinter dem dichten, weißen Schleier über dem See lag, wusste sie selbst noch nicht. Aber sie würde es herausfinden.

Noch eine Weile verharrten die Geschwister stumm am Nest, bis Iona sich erhob und dem Muttertier über die Nüstern strich. „Es wird Zeit, mein Mädchen. Sie warten schon auf ihn“, sagte sie, und der gewaltige Kopf senkte sich zustimmend. Dann wandte sie sich an ihre Brüder. „Wir müssen los. Wir dürfen die Taufe nicht verpassen.“

„Taufe? Welche Taufe?“, fragte Tamm und trat neben seine Schwester.

„Dharin muss doch noch getauft werden“, antwortete sie.

„Dharin? Meinst du etwa den Drachen?“ Buck runzelte die Stirn.

„Ja. Sein Name ist Dharin. Das ist ein Zeichen der Herrinnen. Seine Geburt war Schicksal. Es kommt alles, wie es kommen muss.“ Iona hörte selbst, wie feierlich sie klang. Unter dem Blick ihrer Brüder wurde ihr warm, doch sie nahm kein Wort zurück. Stattdessen kletterte sie auf den Rücken des Muttertieres. Die Schuppen lagen fest und glatt unter ihren Händen. „Kommt schon! Steigt endlich auf. Wir haben keine Zeit zu verlieren!“

Tamm sah Buck an, Buck zuckte mit den Schultern. Dann kletterten sie hinter ihre Schwester. Der große Leib spannte sich; Iona griff fester zu, als die Drachenmutter die Flügel ausbreitete und mit einem mächtigen Schlag den Staub vom Höhlenboden wirbelte. Einen Augenblick später trug sie ihre drei Reiter empor.

Von außen hielt man den Berg für einen Hügel wie jeden anderen. Nur die Geschwister wussten, dass ihre Höhle im Bauch eines erloschenen Vulkans lag. Durch dessen Öffnung stiegen sie ins Freie, dicht gefolgt von Dharin. Der junge Drache hielt sich so nah an seine Mutter, dass Iona das helle Schimmern seiner feuchten Schuppen sehen konnte.

Unter ihnen breitete sich die winterliche Ebene aus. Waldstücke zeichneten dunkle Inseln in den Schnee, dazwischen wanden sich schmale Wege, auf denen ihre Pferde nun kaum größer als Spielzeug gewesen wären. Die Sonne stand bereits hoch, doch hinter der geschlossenen Wolkendecke blieb von ihr nur ein blasser Fleck. Sie hatte keine Kraft, den Frost aus den Feldern zu treiben.

Iona mochte diese verhüllte Sonne. Im Sommer bedrängte sie jedes Lebewesen mit ihrer Hitze, als müsse sich die ganze Welt nach ihr richten. Heute durfte sie ruhig in ihrem Wolkengefängnis bleiben. Ihre Brüder hätten gewiss anders darüber gedacht: Je höher sie stiegen, desto schärfer schnitt der Nordwind durch ihre Kleider.

Hinter ihr klapperten zwei Paar Zähne um die Wette. Iona duckte das Gesicht kurz gegen ihre Schulter, um den Wind aus den Augen zu bekommen. „Wir sind bald da, keine Sorge. Warum seid ihr auch ohne Mäntel unterwegs?“

„Na ja, wir dachten, bei einem so herrlichen Morgen würde der Tag genauso angenehm werden“, gab Tamm zu. Buck wollte zustimmen, doch stattdessen nieste er schon wieder.

Iona kicherte. „Stellt euch nicht so an. Nehmt euch ein Beispiel an Dharin. Er ist gerade aus seinem warmen Ei geschlüpft und spürt zum ersten Mal diese kalte Brise um die Schnauze. Hört ihr ihn deswegen etwa maulen? Ich nicht.“

„Er ist ja auch kein Mensch wie wir. Seine Haut ist viel robuster und wird obendrein von einem festen Schuppenpanzer umhüllt“, verteidigte sich Buck.

Danach verstummten sie. Nur der Wind pfiff an ihnen vorbei, begleitet vom gleichmäßigen Schlagen der mächtigen Flügel. Schließlich öffnete sich zwischen den Hügeln ein riesiger See. Grau und reglos lag er unter ihnen, wie ein angelaufener Spiegel; an seinem fernen Ende stand eine geschlossene weiße Nebelwand.

„Der Nebelsee!“, hauchte Buck. Vom Rücken eines Drachen aus hatten sie ihn noch nie gesehen. Er beugte sich weit über die Schuppen und suchte das stille Wasser ab. Auch Tamm spähte hinunter. Kein Boot, kein Uferpfad, keine Bewegung im Dunst verriet, weshalb dieser Ort ihnen solches Unbehagen bereitete. Iona hingegen konnte den Blick kaum vom Nebel lösen.

„Lasst uns an Land gehen“, sagte Iona, und ihr Herz hüpfte.

Die Drachenmutter sank in weiten Kreisen hinab. Beim Aufsetzen drückten ihre Klauen tiefe Mulden in den feuchten Schnee. Dharin landete neben ihr und hielt still, als sie ihm über die Stirn leckte. Buck und Tamm glitten vom Rücken des Tieres, rückten ihre Schwertgurte zurecht und traten dicht ans Ufer. Das Wasser schwappte mit einem leisen, gleichmäßigen Laut gegen den vereisten Rand.

„Ihr braucht sie nicht“, sagte Iona, die bereits im Wasser stand. „Wenn ihr würdig seid, werdet ihr von den Herrinnen als Gäste empfangen. Denn ihr müsst wissen: Sie meiden den Krieg und die Waffen, die zu unnötiger Gewalt führen.“

Verwundert sahen die Brüder sich an. Dann löste Tamm seinen Schwertgurt, und Buck folgte seinem Beispiel. Die Waffen blieben nebeneinander im Schnee liegen. Iona wartete, bis beide die Hände davon genommen hatten.

Sie wandte sich an den jungen Draco. „Komm. Sie erwarten dich bestimmt schon.“ Dharin schnaubte und warf einen letzten Blick zu seiner Mutter, bevor er zu ihr ins Wasser stapfte. Iona strich ihm über die Nüstern und schwang sich auf seinen Rücken. Er stand überraschend fest unter ihrem Gewicht.

Buck und Tamm gingen rechts und links neben ihnen. Langsam entfernten sie sich vom Ufer. Sobald Dharin tiefer einsank, biss das eisige Wasser Iona in die Waden; ihr vollgesogener Rock hing schwer an seinen Flanken. Der Nebel schloss sich dichter um sie. Erst verschwanden die Hügel, dann die Drachenmutter, schließlich selbst die Umrisse ihrer Brüder. Feuchte Kälte legte sich auf ihre Wimpern. Iona streckte eine Hand aus und sah kaum noch die eigenen Finger.

„Iona, wir können nicht mehr weiter. Der See wird immer tiefer und der Nebel immer dichter. Das ist zu gefährlich. Lass uns umkehren!“, bat Tamm, der bereits bis zur Brust im Wasser stand.

„Unser Bruder hat recht. Wir werden uns verirren“, sagte Buck irgendwo im Weiß.

Ihre Stimmen wurden dünner, als kämen sie aus weiter Ferne. Iona wollte den Kopf wenden. Da hörte sie den Gesang. Eine einzelne Frauenstimme, leise und klar, so nahe, als neigte sich jemand zu ihrem Ohr. Der Laut drang durch die Kälte und ließ sie still werden. Sie kannte ihn. Ihm hatte sie so lange entgegengehorcht.

Noch einmal meinte sie ihren Namen zu hören, diesmal rau und ungeduldig. Dann verloren sich die Stimmen ihrer Brüder im Weiß. Es blieb nur das Lied, das sie tiefer in den Nebel rief.

...

Buck griff ein letztes Mal nach seiner Schwester. Seine tauben Finger streiften etwas – Schuppen? Nassen Stoff? –, dann schlug seine Hand ins Leere. „Iona!“ Er warf sich einen Schritt vorwärts, bekam Wasser in den Mund und spuckte es hustend wieder aus. Wo sie eben noch gewesen war, trieb kalter Dunst. Buck hieb auf die Oberfläche ein, als könne er den See zwingen, sie herauszugeben.

„Gebt uns unsere Schwester wieder!“, schrie Tamm irgendwo links von ihm.

Keine Antwort. Nur ihr eigenes Keuchen, das Klatschen des Wassers. Buck beugte sich mühsam hinunter und zog den kurzen Dolch aus dem Stiefel. Von links kam ein Fluch; Tamm schien denselben Einfall gehabt zu haben. Sie stachen auf den Nebel ein, blind und wütend, und jeder Stoß traf nichts als feuchte Luft.

Blanker Unsinn. Buck wusste es noch während der Bewegung: Man erstach keinen Nebel. Doch die Klinge war etwas Festes in seiner Hand, etwas, womit er umzugehen verstand. Was sollte er sonst tun? In Ruhe nachdenken, während Iona vielleicht wenige Schritte entfernt ertrank? Er hatte über die Frauen hinter dem Nebel gelacht. Jetzt ertappte er sich bei dem Wunsch, dass es sie gab. Irgendjemand musste dort sein. Irgendjemand musste seine Schwester auffangen.

Neben ihm schlug Tamm so heftig um sich, dass schäumendes Wasser gegen Bucks Gesicht spritzte. Er rief wieder nach Iona. Seine Stimme brach. Dann wurden die weißen Schwaden dünner, und durch den Dunst drang ein fahler Streifen Licht.

Buck stolperte darauf zu. Unter seinen Füßen stieg der Grund an; das Wasser sank von der Brust auf die Hüften, dann auf die Knie. Kies schabte unter seinen Sohlen. Er taumelte aus dem See, hob den Kopf – und erstarrte.

Schnee. Das flache Ufer. Ihre Schwerter, genau dort, wo sie sie niedergelegt hatten.

„Was … was soll das?“ Tamms Stimme klang seltsam dünn. „Ich begreife es nicht. Warum sind wir wieder am Ufer des Sees?“

Buck griff nach seinem Schwert und starrte die vertraute Uferlinie entlang. Auch Tamm nahm seine Waffe an sich. Die breite Mulde, in der die Drachenmutter gelegen hatte, war leer; an ihrem Rand glänzte nasser Schnee. „Was zum Henker geht hier vor? Wo ist sie hin?“, fragte Tamm und machte noch einen Schritt aufs Festland.

„Weiß nicht. Vielleicht zurück in ihre Höhle. Hier ist es ihr wohl zu langweilig geworden.“ Buck hörte selbst, wie hohl das klang. Seine Finger zitterten so heftig, dass er den Gurt kaum schließen konnte, und das lag nicht allein an der Kälte. Er nieste, wischte sich mit dem nassen Ärmel übers Gesicht. „Wir sollten auch nach Hause. Vater muss erfahren, was mit seiner Tochter geschehen ist.“

Vater. Bei dem Gedanken zog sich ihm der Magen zusammen. Was sollte er ihm sagen? Dass sie Iona in einen See hatten reiten lassen, weil es leichter gewesen war, mitzugehen, als ihr zu widersprechen? Dass sie auf dem Rücken eines Drachen im Nebel verschwunden war, gerufen von Frauen, an die ihre Brüder nicht einmal glaubten?

„Gut“, sagte Tamm. „Lass uns zu unseren Pferden zurückgehen und heimreiten.“

Buck nickte und wandte sich ab. Da hörte er es.

Hinter ihnen holte der See Luft. Ein langes, tiefes Saugen zog über das Ufer, als wiche das Wasser in einem einzigen Atemzug zurück. Buck blieb stehen. Der Nebel, eben noch reglos, begann sich zu drehen. Wind fuhr auf und zerrte an seinen nassen Ärmeln; die Kälte biss bis auf die Haut.

„Bruder …“, sagte er leise.

Tamm drehte sich um. Draußen auf dem See, dort, wo eben noch ihre Schwester gewesen war, hob sich das Wasser. Schwarz und glatt wölbte es sich aus der grauen Fläche und rollte als erste Welle auf sie zu.

...

Vor Iona lichtete sich der Nebel. Zuerst erkannte sie eine dunkle Linie, dann Mauerreste und geborstene Fensterbögen. Eine kleine Insel lag im grauen Wasser, gekrönt von einer alten Ruine, deren zerbrochene Mauern sich gegen den fahlen Himmel abhoben. Sie war also wirklich da. All die Geschichten, all das vergebliche Warten hatten sie hierhergeführt.

„Das Nebelschloss“, hauchte sie ihrem Begleiter zu. „Jetzt brauchst du keine Angst mehr zu haben. Jetzt bist du endlich zu Hause.“ Dharin schnaubte und stieg schwerfällig aus dem Wasser. Von seinen Flanken rann es in schmalen Bächen.

An Land glitt Iona von seinem Rücken und zog als Zeichen der Demut und Reinheit die Schuhe aus. Sie knotete die Riemen zusammen und befestigte die Schuhe an ihrem Gürtel. Dann führte sie den Drachen auf die Ruine zu, das Haupt erhoben, obwohl ihr Herz bis in die Kehle schlug.

Der tiefe Schnee gab unter ihren nackten Füßen nach. Sie wartete auf das schneidende Brennen der Kälte, doch es blieb aus. Die weiße Decke fühlte sich weich an, beinahe behaglich. Iona sah hinunter zu ihren Zehen. Wie konnte Schnee nicht kalt sein? Ihre Handflächen wurden feucht. Würden die Herrinnen sie annehmen? Würden sie erkennen, wie sehr sie sich diesen Augenblick gewünscht hatte? Je näher die verwitterten Mauern kamen, desto schwerer fiel es ihr, einen klaren Gedanken festzuhalten.

Am gewaltigen Steintor blieb sie stehen. Ihre Finger glitten über raue Flechten, über ausgewaschene Rillen und Kanten, die unzählige Winter stumpf geschliffen hatten. So viel Zeit lag in diesem Stein, und sie stand mit nassen Röcken davor und wusste plötzlich nicht, ob sie klopfen durfte.

Sie ballte die Hand und pochte gegen das Tor. Der dumpfe Laut schien kaum über ihre Schulter hinauszureichen, bevor der Nebel ihn verschluckte.

Hinter ihr scharrten Krallen auf dem Boden. Dharin prustete, schob die Schnauze an ihren Arm und blickte zum verschlossenen Tor. „Schhh. Du brauchst keine Angst zu haben. Ich bin bei dir.“ Iona strich über seinen Hals, langsam genug, dass auch ihr eigener Atem ruhiger wurde. „Es ist alles gut … alles gut.“

Der junge Drache gähnte herzhaft und ließ sich zu Boden sinken. Iona musste trotz ihrer Anspannung lächeln. Sie hatte sich gerade wieder dem Eingang zugewandt, als das schwere Tor aufschwang.

Dharin sprang auf, senkte das Haupt und schloss die Augen, als schäme er sich plötzlich für seine Nachlässigkeit. Auch Iona sank auf die Knie. Sie faltete die Hände im Schoß und neigte demütig den Kopf. Im offenen Tor blieb es still. Lange spürte sie nur den weichen Schnee unter den Knien und den raschen Schlag ihres Herzens.

Endlich forderte eine fremde Stimme sie auf, sich zu erheben. Iona sah zögernd hoch – in zwei tiefviolette Augen. Ihr Blick glitt über ein schmales Gesicht, über ruhige Lippen und die Gestalt, die ihr den Weg ins Innere freigab. Dann senkte sie ihn hastig wieder. Die erste Begegnung mit der Herrin der Nebel hatte sie sich anders vorgestellt. Vor allem hatte sie eine Frau erwartet.

Ihr verwunderter Blick schien ihm nicht zu entgehen, denn ein feines Lächeln umspielte seine Lippen. „Mein Name ist Lancen. Es freut mich sehr, dich endlich kennenzulernen, Schwester. Man erwartet euch beide bereits. Darum möchte ich dich bitten, mich zu begleiten.“

Schwester? Iona riss den Blick wieder hoch. Das Wort passte nicht zu diesem Fremden, zu seiner gelassenen Haltung und dem eigentümlichen Flattern, das sein Lächeln in ihrem Magen auslöste. Sie starrte ihn an, bis Dharin sie sanft in die Seite stieß.

Sofort öffnete sie den Mund, um sich für ihre Unhöflichkeit zu entschuldigen. Doch Lancen hatte ihr schon den Rücken zugekehrt und war in der Ruine verschwunden, als sei sie ein Bote, den man an der Tür abfertigte. Iona presste die Lippen zusammen. Gerade noch hatte er sich angeblich gefreut, sie kennenzulernen. Und was meinte er überhaupt mit Schwester? Mit steifen Schritten folgte sie ihm, bemüht, nicht hinter ihm herzueilen.

Hinter dem Tor blieb Iona stehen. Von innen war die Ruine unversehrt.

Zwischen marmornen Pfeilern hingen Wandteppiche: aufgebäumte Pferde, erhobene Waffen, Männer unter Schwerthieben. Iona suchte nach einem vertrauten Wappen. Vielleicht hatten die Menschen hier etwas zurückgelassen, das sie verstand.

Unter ihrem nächsten Schritt schimmerte Wasser. Sie hielt inne, doch ihre Sohlen blieben trocken. Auf der glatten Fläche zogen Wolken vorbei – und als sie den Kopf hob, fand sie über sich offenen Himmel. Hinter den zerbrochenen Außenmauern stand eine unversehrte Halle, unter einem Dach, das keines war. Iona prüfte den Boden mit der Fußspitze. Lancen wartete, ein schmales Lächeln im Gesicht. Sie richtete sich auf und ging weiter.

„Warum gibt es hier keine Türen?“, erkundigte sich Iona und wies auf einen der vielen Durchgänge.

„Bannkreise. Magische Vorhänge, die neugierige Blicke abfangen. Von außen wirken alle Zimmer gleich, doch dahinter ist jedes anders eingerichtet. Du könntest gerade neben der Folterkammer stehen, ohne es zu bemerken.“ In seinen violetten Augen blitzte es. Iona sah misstrauisch zu dem Durchgang, aber Lancen ging bereits weiter.

„Vor vielen Tausend Jahren lebten wir hier alle glücklich zusammen“, sagte er. Sein Ton hatte sich verändert; das flüchtige Lächeln war fort. „Doch dann kamen die Treyiden in unser Land und nahmen sich alles, was sie finden konnten. Es war eine blutige Schlacht. Viele von uns mussten dabei ihr Leben lassen. Aber auch die Treyiden erlitten einen herben Verlust …“

„Was sind diese Treyiden? Und warum erzählst du mir das alles?“, unterbrach ihn Iona und rieb sich die Schläfe.

Er blieb beinahe stehen. Für einen Augenblick sah er sie an, als hätte er vergessen, wer neben ihm ging. Dann schüttelte er leicht den Kopf. „Ein fremdes Kriegervolk, längst untergegangen“, murmelte er. Mit einer knappen Verneigung bat er um Entschuldigung.

Gern hätte sie ihn mehr gefragt, wären sie nicht vor einer riesigen Marmortür stehen geblieben. „Ist das auch ein Bannkreis?“, fragte Iona und wies darauf.

Lancen nickte. „Ab hier muss ich dich leider allein lassen.“ Er verbeugte sich tief. Sein langes silbernes Haar glitt über die Schultern und gab den Blick auf seltsam spitze Ohren frei. Iona wollte nicht starren. Wirklich nicht. Trotzdem blieb ihr Blick daran hängen, bis er sich wieder aufrichtete.

Dann war er fort. Keine Schritte, kein Zurückweichen; eben noch stand er vor ihr, jetzt sah sie nur den leeren Gang. Unwillkürlich griff Iona nach seiner Hand. Ihre Finger schlossen sich um nichts. Sie stand mit ausgestrecktem Arm da und hätte gar nicht bemerkt, dass sich der Bann vor ihr löste, hätte Dharin sie nicht angestupst.

In der Mitte der scheinbaren Steinplatte entstand ein Spalt. Dahinter führte ein schmaler Gang ins Innere. Iona sah zu Dharin, dann wieder zu der Öffnung. Würden sie sich ebenfalls auflösen, wenn sie hindurchgingen? Oder war solch ein Verschwinden hier ebenso gewöhnlich wie silbernes Haar und spitze Ohren?

Sie atmete tief durch, legte eine Hand an den Hals ihres Gefährten und trat über die Schwelle. Ihre Schritte klangen leise in der Enge. Sie hielt die Finger auf seinen Schuppen, bis sich der Gang zu einem Saal öffnete.

Die Wände ragten haushoch empor. Inmitten der weiten Halle stand ein kleiner Tisch, so verloren, dass Iona ihn erst auf den zweiten Blick wahrnahm. Sie ging darauf zu und sank davor auf die Knie. Unter der glatten Oberfläche der Holzplatte bewegten sich Bilder.

Männer in tiefgrünen Rüstungen standen dicht gedrängt zwischen Bäumen. Schwerter wiesen schräg nach oben; niemand sprach, oder zumindest konnte Iona sie nicht hören. Etwas an ihrer gespannten Haltung ließ sie den Atem anhalten. Einen Augenblick später rannten sie los.

Gebannt beugte sie sich vor. Die Krieger hetzten durch den dichten Wald an das Ufer eines Sees. Nebel trübte die Sicht, doch sie gingen ohne Zögern hinein. Das Wasser reichte ihnen höher und höher. Auf dem grünen Metall ihrer Rüstungen breitete sich Rost aus, während sie schwerfällig weiterstapften. Keiner kehrte um. Iona sah ihre vorgeneigten Körper und die angestrengten Gesichter, ohne einen einzigen Schritt oder Atemzug zu hören. Schließlich erreichten sie das andere Ufer.

Dort gönnten sie sich keine Rast. Sie hasteten einen kleinen Hang hinauf, bis ein riesiges Schloss vor ihnen stand. Zehn Männer versperrten ihnen den Weg. Zehn, die Schwerter und Bögen gegen diese heranrückende Menge erhoben.

Iona stützte die Hände auf die Tischkante. Der Anführer der Verteidiger hatte tiefviolette Augen. Dieselben Augen, in die sie eben erst geblickt hatte. War das Lancen? Er stand ruhig da, den Bogen gespannt, während die Übermacht heranstürmte. Sie suchte sein Gesicht ab, als müsse er doch endlich begreifen, wie wenige sie waren. Doch sein Blick blieb nach vorn gerichtet. Bewunderung und Angst schnürten ihr die Brust zusammen.

„Nun hast du es also auch gesehen. Erschreckend, nicht wahr?“

Die tiefe Stimme riss Iona vom Tisch los. Sie fuhr herum und sah zu einer hochgewachsenen Frau auf. Deren Kleid schien in beständiger Bewegung: Licht rann durch seine Falten, durchsichtig und fließend, als bestünde der Stoff aus Wasser. Um ihr Haupt wanden sich grüne Ranken, obwohl kein Luftzug sie berührte. Darüber sprühte ihr Haar Funken. Es loderte in einem Wirbel aus Flammen, dessen Glanz über das ruhige Gesicht strich. Die Augen darunter waren so klar, dass Iona keine Farbe darin zu erkennen vermochte.

Sie brachte keinen Ton heraus. Noch immer kniete sie da und starrte. Erst Dharins leises Schnauben erinnerte sie daran, dass man eine hohe Herrin nicht so ansehen durfte. Hastig erhob sie sich und senkte den Blick. Ein warmes Lachen durchflutete den Raum. Ionas Schultern sanken ein wenig herab; sie spürte, dass dieses Lachen ihr nicht galt wie Tamms Spott am Morgen.

„Sprich … bist du den ganzen Weg allein hergekommen? Mir war, als wärst du in Begleitung. Doch sie sind nicht hier. Ist ihr Glaube doch nicht so stark, wie du angenommen hattest?“

Bei der Erwähnung ihrer Brüder schluckte Iona. Wie weit hinter ihr waren ihre Stimmen verstummt? „Ja. Ich kam mit meinen beiden Brüdern zu diesem See. Ich habe Eure Stimme im Wind gehört und bei der Geburt des jungen Drachen.“ Sie hob den Blick. „Habt Ihr nach mir gerufen? Nun bin ich hier.“

Der Blick der Fremden wanderte zu Dharin. „Ja, der junge Keros, wie wir ihn hier nennen. Kommt. Für seine Taufe ist alles bereit. Wie Lancen dir gesagt hat: Man erwartet euch bereits.“

Wortlos folgte Iona ihr. Die vertraute Stimme des Gesangs, die Nähe des warmen Drachenleibes und das ruhige Schreiten der Herrin ließen ihre Beklemmung nachlassen. Sie kam sich nicht vor wie eine Fremde, die man nach ihren Absichten fragen musste. Hier schien längst bekannt zu sein, wer sie war. Hinter Dharin schloss sich die Barriere von selbst, und der Saal verschwand vor ihren Augen.

An der zweiten Abzweigung verlor Iona die Orientierung. Sie hielt sich dicht neben Dharin; sein warmer Hals streifte ihren Arm. So viel Raum konnte es hinter den verfallenen Mauern nicht geben. Doch die Herrin ging ohne Zögern voran, als führe sie die beiden durch ein Haus, in dem sie sich bald auskennen würden.

Iona hätte Vater hierherführen mögen. Heidnischen Humbug nannte er die alten Sagen, ein vorübergehendes Fieber ihren Glauben. Mit taunassem Vollmondkraut war sie ihm als Kind im Flur begegnet, und er hatte den Kopf geschüttelt; später hatte sie ihn murmeln hören, ihre Mutter sei ebenso weltabgeschieden gewesen. Das Fieber war geblieben. Nun folgte Iona einer leibhaftigen Herrin, mit all den Fragen, für die es zu Hause kein Gehör gegeben hatte.

Die Frau öffnete einen Bann. Dahinter fiel farbiges Fensterlicht auf einen weißen Teppich. An seinem Ende wartete die Taufe.

Am Kopfende stand ein mächtiger Altarstein. Darauf ruhte eine Schüssel; daneben fiel ein langes rotes Tuch in schweren Falten zu Boden und wand sich um den Fuß des Altars.

Erst beim Näherkommen erkannte Iona, was rings um den Stein lag. Knochen. Bleiche, verwitterte Knochen, viel zu viele, um sie zu zählen. Sie dachte an Lancens Bericht über die Treyiden und den Verlust, den sie erlitten hatten. Waren dies ihre Überreste? Hier aufbewahrt, mitten in diesem herrlichen Raum? Ihr Magen hob sich, und sie wandte den Blick ab. Die Herrin faltete bloß die Hände vor dem Leib und glitt lautlos zum Altar.

Iona blieb stehen, bis die hohe Frau sie zu sich bat. Ihr Hals fühlte sich trocken an. Sie blickte Dharin in die klaren, goldgelben Augen und strich mit dem Daumen über seine Schuppen. „Komm, es wird Zeit.“ Gemeinsam traten sie auf den weißen Teppich.

Der Boden brach weg.

Rings um den schmalen Teppich stürzten die farbigen Flächen in die Tiefe. Iona erstarrte und klammerte sich an Dharins Hals. Unter ihnen gähnte schwarze Leere. Der junge Drache scharrte mit den Krallen und schlug panisch die Flügel auf; ein heftiger Ruck riss Iona von ihm los. Ihre Finger glitten über die glatten Schuppen. Sie taumelte seitwärts, über den Rand hinaus.

Ihr Schrei hallte durch den Saal. Sie fiel – und schlug hart auf. Schmerz fuhr durch ihre Handballen. Iona blieb gekrümmt sitzen, mit weit aufgerissenen Augen, und wagte nicht, sich zu bewegen. Unter ihr war nichts zu sehen. Nur Schwärze, ohne Grund, ohne Ende.

„Warum falle ich nicht?“ Ihre Stimme klang fremd. Vorsichtig tastete sie neben sich. Eine kühle, glatte Fläche trug ihr Gewicht. Die Herrin stand am Altar und ließ Wasser aus ihren Händen in die Schüssel rinnen, als sei nichts geschehen.

„Hab keine Angst. Hier ist nichts, wie es scheint. Unter dir liegt das nie endende Nichts, doch du sitzt auf einer Glasscheibe. Der ganze Boden dieses Raumes besteht aus dieser Glasschicht.“ Die Herrin sah kurz zu ihr hinüber. „Ruht man allerdings zu lange darauf, bricht sie wirklich, und man stürzt in die Tiefe.“

Iona sprang auf. Mit zwei hastigen Schritten war sie wieder auf dem Teppich und griff nach Dharin. Sein Flügel zitterte noch. Sie wartete, bis er ihn an den Körper legte, dann gingen sie eng nebeneinander weiter. Iona hielt die Augen auf den Altar gerichtet. Die Schwärze neben ihren Füßen durfte sie nicht ansehen.

Die Herrin schloss die Augen und tauchte ihre Hände in die Schüssel. Lange stand sie reglos, in ein lautloses Gebet versunken. Unter ihren Fingern verdunkelte sich das Wasser. Rot zog durch die klare Flüssigkeit, breitete sich aus und wurde so tief und schwer wie alter Wein. Blut rann durch eine schmale Furche über den Stein und in das lange Tuch. Iona sah zu, wie es sich vollsog, Faser um Faser, bis die Schüssel leer war. Dann öffnete die Herrin die Augen und hob den Stoff auf.

Auf ihr Geheiß setzte Iona sich auf Dharins Rücken. Sie beugte sich ein wenig vor und legte die Hände an seinen Hals. Er war warm. Sie konzentrierte sich auf diese Wärme, während die Herrin das blutgetränkte Tuch erst um den Drachen und dann über ihren Leib legte.

Kaum berührte es sie, verließ sie jede Kraft. Ihr Kopf sank auf die Brust. Sie wollte sich aufrichten, doch ihre Glieder gehorchten ihr nicht mehr; selbst die Hände schienen zu schwer geworden zu sein. Mühsam hob sie den Blick zu den ruhigen Augen der Herrin. Dann spürte sie etwas Warmes zwischen ihren Fingern.

Blut. Es lief ihr über die Knöchel, sammelte sich in den Linien ihrer Handflächen. Auch an Armen und Beinen öffneten sich Wunden. Einen entsetzten Augenblick lang sah sie nur das tiefe Rot. Dann kam der Schmerz.

Er brannte in jeder Wunde zugleich, fraß sich unter die Haut und riss an ihren Knochen. Iona krümmte sich. Sie wollte das Tuch von sich stoßen, doch sie bekam ihre Arme nicht hoch. „Hör auf!“ Der Schrei scheuerte ihr die Kehle wund. „Hör auf!“

Ihre Fingernägel kratzten über Dharins Schuppen. Jeder Atemzug brach ab, bevor er die Brust richtig füllen konnte. Unter ihr bäumte sich der junge Drache auf; sein gequältes Schnauben drang durch ihre eigenen Schreie. Sie versuchte, sich an ihn zu klammern, ihn zu halten wie vor dem Tor. Aber sie konnte kaum noch fühlen, wo sein Körper endete und ihrer begann.

Dann war alles vorbei.

Nichts.

Kein Schmerz. Auch keine Erleichterung. Iona saß da, leer und reglos, als hätte jemand sie ausgeschöpft wie die Schüssel auf dem Altar. Vor ihren Augen verschwand das Blut von ihren Händen. Die Wunden schlossen sich, ohne Narben zu hinterlassen. Sie verfolgte es mit einer stumpfen Verwunderung, die nichts von ihr verlangte.

Erst allmählich bemerkte sie den weißen Teppich unter ihren Knien. Dharins warmer Rücken war fort. Sie saß allein auf dem Boden. Ihre Hände lagen blass im Schoß, und über ihre Schultern fielen nachtschwarze Strähnen, schwer und fremd zwischen dem langen roten Haar. Iona hob eine davon an. Sie gehörte zu ihr. Sie ließ sich nicht abstreifen.

Mühsam kam sie auf die Füße. „Was ist passiert?“ Ihre Stimme zitterte jetzt. „Wo ist das ganze Blut hin? Und wo … wo ist Dharin?“ Sie suchte hinter der Herrin, neben dem Altar, auf dem Teppich, als könne ein pferdegroßer Drache dort übersehen werden. „Was habt Ihr mit uns gemacht?“ Die Kehle zog sich ihr zu. Sie sah wieder in die warmen Augen der hohen Frau und wartete auf eine Erklärung, die alles an seinen Platz zurückbringen würde.

„Der junge Keros hat sich für Euch geopfert und es möglich gemacht, eines der mächtigsten Geschöpfe zu erwecken, die die alte Welt je gesehen hat. Doch er ist nicht für immer von Euch gegangen. Durch mein Blut und seinen Körper werdet Ihr auf ewig mit ihm verbunden sein. Seine Stärke fließt nun durch Eure Adern.“ Die Herrin verbeugte sich tief.

Für sie geopfert. Iona verstand die Worte, ohne sie annehmen zu können. Vor dem Tor hatte er noch den Kopf an ihren Arm gedrückt. Sie hatte ihm gesagt, dass er keine Angst zu haben brauchte.

„Ihr habt Taufe gesagt.“ Iona bekam die Worte kaum über die Lippen. „Warum habt Ihr mir nicht gesagt, was mit ihm geschieht? Mit uns beiden?“

Die Herrin richtete sich auf. „Du hättest dich gefürchtet.“

„Ich habe mich gefürchtet.“ Iona hielt ihr die Hände hin. Sie waren heil, und gerade das machte es schwer, ihnen zu trauen. „Ich habe Euch gebeten aufzuhören.“

Die Frau sah auf die ausgestreckten Hände. Für einen Augenblick blieb nur das ferne Nachhallen von Ionas Stimme.

„Du hättest es vorher wissen müssen“, sagte sie schließlich.

Iona ließ die Arme sinken. Sie hatte eine Erklärung erwartet, die den leeren Platz neben ihr füllte. Stattdessen stand sie vor einer Frau, die ihr die Wahrheit erst sagte, nachdem es keine Wahl mehr gab.

Mit steifen Beinen trat sie an einen hohen Spiegel, dessen Silber matt wie ein zugefrorener Teich schimmerte. Ein schmales, bleiches Gesicht sah ihr entgegen. Zwischen dem vertrauten Rot ihres Haars lagen schwarze Strähnen und ließen die Haut noch heller erscheinen. Iona hob die Hand; die Fremde im Spiegel hob sie auch. Sie berührte ihre Wange. Kalt. Nur ihre Augen waren unverändert, grün und klar. An ihnen hielt sie sich fest.

„Das kann nicht sein.“ Ihre Stimme brach. „Was ist mit mir geschehen?“

„Ihr seid nun die, die Ihr von Geburt an schon wart. Die Wiedergeburt Eurer geliebten Mutter. Megan!“

Iona schluckte schwer. „Was? Meine Mutter war die Megan aus den alten Geschichten?“

Die Hexe aus den Sagen. Die Herrin, von der die Alten am Feuer flüsterten. Iona hatte geglaubt, ihre Mutter habe zufällig denselben Namen getragen, so wie hundert andere Mädchen in Schottland auch. Von ihrer eigenen Mutter waren ihr nur ein Name, ein paar behutsame Worte und Vaters plötzlich verschlossenes Gesicht geblieben. Und die ganze Zeit hatte sie von ihr gehört, ohne es zu wissen.

Vater hatte geschwiegen, während sie heimlich Kräuter pflückte und die alten Lieder sang. Heidnischer Humbug. Hatte er gewusst, wessen Geschichte sie lauschte? Hatte überhaupt jemand daran gedacht, dass sie ein Recht hatte, ihre Mutter zu kennen?

Kränkung stieg ihr heiß in die Kehle, dicht gefolgt von Zorn. Doch darunter regte sich eine Freude, so heftig, dass sie beinahe wehtat. Durch diese Hallen war ihre Mutter gegangen. Sie hatte diesen Boden berührt, unter denselben Fenstern gestanden. Iona sah sich um, als könnte irgendwo noch eine Spur ihrer Schritte liegen. Nie war sie Megan so nahe gewesen. Ihre Knie wurden weich.

Die Herrin trat zu ihr und legte die Arme um sie. Iona versteifte sich. Dann gaben ihre Knie nach, und sie hielt sich am kühlen Gewand fest. Halt fand sie darin; die Fragen verschwanden nicht.

„An ihrem Sterbebett versprach sie uns ihre Tochter“, sagte die hohe Frau. „Sie versprach uns, dass diese junge Dame einst so mächtig werden würde, dass sie die alte Prophezeiung erfüllen könnte. Lady La Foy starb mit ruhigem Gewissen, vor nun fast zwanzig Jahren nach Eurer Zeitrechnung. Ihre ganze Kraft hat sie Euch und Euren Brüdern übertragen. Nie hat sich Euch ihre Macht gezeigt – zum Schutz Eures eigenen Lebens. Und nun seid Ihr endlich erwacht. Die Zeit ist angebrochen. Der Tag der Entscheidung ist nicht mehr fern.“

Versprochen. Noch ehe Iona ein einziges Wort hatte sprechen können, war über ihr künftiges Leben gesprochen worden. Sie schloss die Augen. Gerade hatte sie die Mutter aus den Geschichten gefunden; jetzt lagen in diesen Geschichten Erwartungen, für die sie keinen Namen hatte.

Wenigstens verstand sie, warum Lancen sie Schwester genannt hatte. Für das Nebelvolk war sie eine der Ihren. Warum sie das Wort aus seinem Mund trotzdem gestört hatte, darüber wollte sie lieber nicht nachdenken.

„Habt Ihr deshalb mit mir Verbindung aufgenommen?“, fragte sie. Sie löste die Finger aus dem Gewand der Herrin und trat weit genug zurück, um ihr ins Gesicht zu sehen.

„Wir haben immer wieder versucht, Euch zu finden. Doch wegen der Kriege der letzten Jahre zogen wir uns ganz aus Eurer Welt zurück. Die Euren haben unser Vertrauen schändlich missbraucht.“ Die Herrin strich langsam eine Falte ihres Gewands glatt. „Vor langer Zeit lebten wir glücklich zusammen. Wir teilten unsere Magie mit Euch, und Ihr habt diese Großherzigkeit ausgenutzt. Schließlich konnten wir Eure Gegenwart nicht länger dulden. Wir schufen den See, den Nebel und unser heutiges Reich. Lange Zeit waren wir geschützt. Viele Menschen hielten uns längst für tot.“ Sie schwieg kurz. „Wir waren nur noch Gestalten einer alten Legende. Eine blasse Erinnerung an früheren Frieden.“

„Was ist dann geschehen?“, fragte Iona und wischte sich mit dem Handrücken über die Nase.

„Eure Krieger fanden den Weg durch den Nebel. Das Bild auf dem Tisch hat dir gezeigt, wie sie vor unsere Mauern kamen.“

Iona sah Lancen wieder vor der Übermacht stehen. „Wie viele starben?“

„Sechs meiner Söhne fielen an jenem Tag.“ Die Herrin sprach so leise, dass Iona sich unwillkürlich näher neigte. „Auch Lancen hätte ich verloren, wäre Eure Mutter uns nicht zu Hilfe geeilt. So wurde sie für mein letztes Kind zur Göttin. Er verehrte sie. Und tut es noch heute, zwanzig Jahre nach ihrem Tod, nach der Zeitrechnung Eurer Heimat.“

Sie senkte den Blick. Zum ersten Mal sah Iona nicht das fließende Kleid oder das flammende Haar. Sie sah eine Mutter, der von sieben Söhnen einer geblieben war. Sechs leere Plätze. Sie versuchte, sich Tamm und Buck fortzudenken, und brach den Gedanken ab.

Iona sah auf den weißen Teppich. Als sie zu sprechen begann, war ihre Stimme noch unsicher.

„Ich habe meine Mutter nie gekannt und mich doch immer nach ihr gesehnt. Mein Vater hat mir kaum etwas von ihr erzählt. Vielleicht wusste er selbst nicht, dass sie eine mächtige Herrin war. Auch meine Brüder vermissen sie. Könnte ich ihnen dieses Reich zeigen, ich täte es.“ Sie schluckte. „Doch ich werde seine Geheimnisse bewahren, zum Schutz der Heimat meiner Mutter.“

Sie betrachtete die Hände der hohen Frau, dann legte sie ihre eigenen darauf.

„Ob ich jemals so stark werde wie sie, weiß ich nicht. Auch wenn meine Seele mit ihrer verbunden ist, ersetzen werde ich sie nie.“ Diesmal hielt ihre Stimme. „Eines aber verspreche ich Euch, so wahr meine Mutter Megan war: Ich werde den zerstörten Frieden wiederherstellen. Die Menschen werden uns achten und unsere Macht nicht mehr missbrauchen.“

Wie das gelingen sollte, wusste sie nicht. Sie wusste nur, dass Tamm und Buck auf der anderen Seite des Nebels waren und dass sie hier zum ersten Mal etwas von ihrer Mutter gefunden hatte. Sie wollte keine dieser Welten verlieren.

Ein Schauer ging durch die hohe Herrin. Ihre Finger schlossen sich um Ionas Hände, und in den klaren Augen lag ein Glanz, den Iona zuvor nicht gesehen hatte. „So möge es sein. Dann heiße ich Euch willkommen in einem längst vergessenen Reich, in Eurem neuen und alten Zuhause. Ihr werdet Euch hier wohlfühlen. Darauf habt Ihr mein Wort.“

„Ich möchte mich hier wohlfühlen.“ Iona sah zu der Stelle, an der Dharin verschwunden war, und schluckte. „Doch ich muss mich auf Euer Wort verlassen können.“ Sie zögerte. „Und ich möchte endlich wissen, wie Ihr heißt.“

Die Herrin lächelte. „Viele nennen mich die Nebelherrin, andere die Hohe Frau. Doch Ihr dürft mich bei dem Namen rufen, der mir bei meiner Geburt gegeben wurde: Felina La Lencia.“

„La Lencia? Dann seid Ihr die Mutter von Lancen, dem Nebelelfen? Habe ich recht?“

Ein warmer Glanz trat in Felinas Augen. „Ja. Er ist mein Jüngster und mein engster Vertrauter. Wir sind einander in all den Jahren Halt geworden, über unsere Pflichten als Mutter und Sohn hinaus. Er ist wie die Luft, die ich zum Leben brauche.“ Ihre Hände wurden still. „Ich wüsste nicht, was ich ohne ihn täte.“

„Ja, das kann ich nachvollziehen.“

„Nun gut, belassen wir es für heute dabei. Ihr möchtet sicher Euer neues Schlafgemach sehen?“, sagte Felina und faltete wieder die Hände.

Iona nickte. Erst jetzt spürte sie, wie erschöpft sie war. Die beiden Frauen verließen den kirchenartigen Saal und gingen durch lange Flure. Schließlich blieb Felina vor einem Bannkreis stehen, der in sanftem Hellgrün leuchtete.

„Dieses Zimmer ist etwas ganz Besonderes. Seit dem Tod Eurer Mutter hat es niemand mehr betreten. Es steht verlassen und verschlossen da“, sagte Felina.

„Ist es … das Zimmer meiner … Mutter?“, stammelte Iona.

Felina nickte. Iona hob die Hand und strich über die helle Fläche. Sie hatte Widerstand erwartet, doch die Tür löste sich unter ihren Fingern auf. Von innen fiel ein sanfter Schein auf ihren Arm.

Einen Augenblick blieb sie auf der Schwelle stehen. Seit fast zwanzig Jahren hatte niemand dieses Zimmer betreten. Die Vorstellung machte jeden Schritt schwer und kostbar zugleich. Dann ging sie hinein. Das Licht wurde heller, hüllte sie ein, wärmte ihre Haut. Hinter ihr schloss sich der Bannkreis. Iona blinzelte, bis sie wieder klar sehen konnte, und wandte sich um. Felina war fort.

Im Zimmer duftete es nach frischen Blüten.

Anstelle eines Bettes lag dort ein weiches Blumenlager, ohne ein einziges welkes Blatt. Iona löste die Schuhe vom Gürtel und stellte sie ab. Regale aus Baumrinde trugen Bücher, Fläschchen und gerolltes Pergament; am Fenster stand ein Schreibtisch mit farbigen Tinten und zurückgelassenen Federkielen.

Iona trat näher, wagte aber nicht, etwas zu berühren. Ihre Mutter hatte hier gelesen, geschrieben, Tränke zubereitet. Vielleicht hatte sie einen der Federkiele aus der Hand gelegt, ohne zu wissen, dass sie ihn nie wieder aufnehmen würde. Alles wartete noch auf sie. Der Gedanke schmerzte stärker als die leeren Räume in der Burg, in denen Iona sie bisher gesucht hatte.

Eine schmale Tür führte in den Garten. Iona öffnete sie mit einem vorsichtigen Stoß. Kühle Luft strich ihr entgegen. Draußen war es dunkel; die Sonne musste längst untergegangen sein. Wann hatte sich der Tag so unbemerkt davongeschlichen?

Sie lauschte in die Stille. „Eine Decke wäre jetzt schön“, murmelte sie.

Hinter ihr erklang ein leises Klingeln. Iona fuhr herum und eilte zum Bannkreis. Unter ihren Fingern öffnete sich die hellgrüne Fläche; dahinter führte ein kurzer Flur zu einer Holztür.

Vorsichtig öffnete sie die Holztür. Ein junger Elf mit langem silbernem Haar stand davor. „Lancen?“, entfuhr es ihr, lauter, als sie beabsichtigt hatte.

Lancen hob die Brauen über einen so heftigen Ausruf, nickte aber.

„Was kann ich für dich tun?“, fragte Iona.

„Ich bringe Euch eine Decke, so wie Ihr es befohlen habt.“ Er verneigte sich und reichte ihr eine flauschige, fliederfarbene Decke.

Euch. Ihr. Am Tor hatte er noch dich gesagt. Und Schwester. Iona nahm die Decke entgegen und suchte in seinem Gesicht nach dem feinen Lächeln von vorhin. Jetzt hielt er sich so förmlich, als trennte sie ein ganzer Hofstaat. „Befohlen? Soll ich dich gerufen haben?“

Doch Lancen war bereits zurückgewichen. Einen Augenblick sah sie noch das silberne Haar, dann war der Flur leer. Iona stand mit der weichen Decke im Arm da.

„Dabei hatte ich ihn gar nicht gerufen …“ Oder doch? Eine Decke wäre jetzt schön. Sie hatte es nur vor sich hin gesagt, in die abendliche Stille. Hatte er sie gehört? Woher konnte er wissen, was sie brauchte? Ihre Ohren wurden heiß. Rasch kehrte sie in ihr Zimmer zurück. Sie legte sich die fliederfarbene Decke um, nahm ihre Schuhe und trat in den Garten, bevor sie weiter darüber nachdenken musste.

Draußen schien die Zeit stillzustehen. Hohe Hecken säumten die Wege, dicht besetzt mit weißen Rosen. Ihr heller Schimmer ließ die Blüten aus dem Dunkel hervortreten, während die Blätter fast schwarz wirkten. Iona strich über eine Rose. Das äußere Blütenblatt fühlte sich kühl und glatt an; ein winziger Tautropfen blieb an ihrem Finger hängen.

„Ist das hier vielleicht das Paradies?“ Sie lächelte zaghaft. „Das war also dein Zuhause, Mutter …“

Sie folgte den schmalen Wegen tiefer in den Garten. Die Rosenhecken schlossen sich zu einem Labyrinth, hinter jeder Biegung wartete ein weiterer duftender Gang. Hin und wieder strich eine frische Brise durch die Zweige und ließ sie die Decke enger fassen. Sonst war es mild, so unwirklich mild nach dem winterlichen Ritt am Morgen. Als sich die Hecken schließlich öffneten, blieb Iona stehen. In der Mitte des Irrgartens lag ein kleiner See.

Fremdartige Pflanzen säumten sein Ufer. Manche trugen schmale, glockenförmige Blüten, die im schwachen Licht wie dünnes Glas schimmerten. Andere streckten breite Blätter über die stille Fläche. Iona kannte viele Kräuter, aber für diese Gewächse hatte sie keine Namen.

Sie ging in die Hocke und tauchte die Fingerspitzen ein. Die Flüssigkeit war milchig und schmiegte sich weich um ihre Haut. Iona stellte die Schuhe ans Ufer, legte die Decke daneben und zog langsam ihre Kleider aus. Dann stieg sie in den See. Seine sanfte Wärme umfing ihre müden Beine, glitt über ihre Hüften und ließ sie tief ausatmen. Sie setzte sich und lehnte sich zurück, bis die milchige Flüssigkeit ihre Schultern erreichte. Zum ersten Mal seit der Taufe löste sich die starre Anspannung aus ihrem Leib.

„Hast du dich hier auch immer ausgeruht, Mutter?“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern zwischen den Rosen. Sie stellte sich Megan am selben Ufer vor, endlich frei von den Blicken und Bitten anderer. „Ja. Das hast du ganz bestimmt. Wenn du Ruhe brauchtest, bist du hierhergekommen und hast den Rest der Welt vergessen.“

Iona schöpfte etwas von der milchigen Flüssigkeit in ihre Hände und ließ es langsam zurückrinnen. Für einen kurzen Augenblick gelang es ihr, sich ihre Mutter als lebendige Frau vorzustellen. Eine Frau, die müde geworden war, die gefroren und sich nach einem stillen Ort gesehnt hatte. Nicht nur als Namen in einer Sage. Iona lächelte. „Wenn doch alles so schön sein könnte.“

Doch die Bilder auf dem Tisch ließen sie nicht los. Sie sah die Krieger im Wasser, Lancen mit dem gespannten Bogen, Felinas gesenktes Gesicht, als sie von ihren Söhnen sprach. Ihr Versprechen stand plötzlich mit ihr im stillen Garten. Es war leicht gewesen, die Worte auszusprechen. Wie sollte sie ihnen gerecht werden?

„Es muss doch einen Weg geben. Was hättest du getan, Mama? Wie kann ich meine beiden Völker retten?“ Iona seufzte und ließ sich tiefer in die sanfte Wärme sinken.

Irgendetwas würde ihr schon einfallen … aber nicht jetzt. Vielleicht später.

Da prickelte ihr Nacken. Iona hielt inne. Kein kühler Luftzug hatte sie gestreift, und doch fühlte sie sich nicht mehr allein. Sie fuhr hoch und starrte zu den Rosenhecken. Zwischen den weißen Blüten schimmerte etwas Silbernes – und war fort, ehe sie blinzeln konnte.

War da jemand gewesen? Und wenn ja – wie lange schon?

Sie saß nackt im Milchsee, und die Hitze stieg ihr ins Gesicht.